„re-quest!“, Gabriele Hartmann,
lyrisch verpackte Antworten und Fragen von Yochanan und Deborah
Softcover, A5, 92 Seiten, 2014, ISBN 978-3-945890-06-6
Rezension Rüdiger Jung
Nachdem „Karfreitag“
(Seite 80) bereits mein Interesse geweckt hatte, ist es für mich etwas
Besonderes, „re-quest!“ (als Ganzes) in Händen zu halten. Möchte „Yochanan“
sein Inkognito wahren – oder werden wir erfahren, wer der Co-Autor ist? Sechs
Gedichte empfinde ich als absolute Höhepunkte:
Lächeln
… und Sein (herrlich das doppeldeutige „Sein“)
Wer Du bist?
Meine Flammen
Lieben (schön, wie sich das Lieben an dem biblischen Äquivalent des Erkennens
bzw. erkannt Werdens festmacht)
In einer Knospe
Darüberhinaus gibt es aber gerade in „re-quest!“ jede Menge einzelner Gedanken
und Formulierungen, die mich in besonderer Weise faszinieren:
Seite 7: in der Tat ein starker Einstieg! Man nehme nur die Zeilen:
So bin ich Welle im Ozean,
von dort sind wir uns zugetan
Seite 21: berührt in mehrfacher Hinsicht. Da ist die Wahrnehmung des
seitenverkehrten Spiegelbildes, an die sich die einzige Differenz manifestiert.
Erstaunlich, dass die Maske ganz mit „Täuschung“ in-eins-gesetzt wird, sie hat
auch positive Aspekte (den Schutz etwa, oder die autonome Wahl einer Rolle).
„… an ihren Taten“ ist stark, und jene
4 Zeilen „die Entwicklung prägt …“ (jeweils Seite 24).
Seite 26: das Immer dann“ nimmt den Gesang der drei Männer im Feuerofen bei
Daniel auf – oder auch Paulus und Silas im innersten Block des Kerkers in
Philippi!
Seite 30: Die Eingangszeilen sind stark:
Nie warst du – Mensch – schon jemals hier
auf Erden,
es ist ein ständig neues Werden.
Mag auch der Geist
sich in den Seelenhüllen neu bescheiden,
des Menschen Weg ist neu –
ja, manchmal neues Leiden.
Seite 35: sehr innig und anrührend, wie „Gabriele“ am biblischen Text
„Gabriel“, dem Verkündigungsengel festgemacht wird“
Die Kraft des Erbarmens, als Namen
bekannt,
wird in den Himmeln stets Gabriel genannt.
Er ist es, der Gottes Erbarmen vertritt,
als Kraft stets durchflutet der Menschen Geschick.
Seite 58: der Schluss (ab dem ersten „das Licht legte“) ist sehr stark:
denn am Anfang war das Licht
das Licht legte die Farben ins Nichts
und aus ihnen wuchsen die Träume
das Licht legte die Töne ins Nichts und aus ihnen wuchs
die Hoffnung
das Licht legte die Worte ins Nichts und aus ihnen wuchs
der Glaube
das Licht legte die Düfte ins Nichts und aus ihnen wuchs
die Erinnerung
das Licht legte die Berührung ins Nichts und aus ihr wuchs
Vertrauen
das Licht legte die Wärme ins Nichts und aus ihr wuchs
die Liebe
und aus Farben, Tönen, Worten, Düften,
Berührung und Wärme wurde
Leben
und aus Träumen, Hoffnung, Glaube,
Erinnerung und Liebe wurde
Sehnsucht
heim zu kehren – voller Vertrauen –
ins Licht
Seite 63: „sich eingebar“ eine sehr innige und starke Formulierung.
Seite 67: beeindruckend, wie zu Beginn das Verstehen am Stehen (und Innehalten)
festgemacht wird.
Seite 78: zwei sehr starke Zeilen zu Beginn …
Die Hände reichen ist zu wenig,
ich reiche Dir mein Herz.
… zwei sehr starke am Schluss:
Im Austausch liegt des Lebens Macht,
so hat es unser Herr erdacht.
gleichsam die Steilvorlage für „Karfreitag“!
Seite 80: Das Gedicht vom Karfreitag weckt naturgemäß mein doppeltes Interesse:
als Lyrikfreund, aber auch als Theologe.
Seite 82: Die drei Eingangszeilen
Wir sind’s!
Er hat uns hochgestellt,
so hoch wie nur ein Kreuz kann sein.
nehmen sehr eindrücklich und bezwingend das johanneische Moment der „Erhöhung“
Jesu auf – in aller Doppeldeutigkeit und Einheit von Kreuz und Herrlichkeit.
Seite 85: ich entdecke „entkettet“ als das vielleicht bezwingendste und
präziseste Äquivalent des biblischen Erlösungsbegriffs.
SEIN Ziel – uns zu retten
und uns entketten
Rüdiger Jung