Winterlinge – Gedankenflocken

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Winterlinge

Georges Hartmann,
Softcover, Fadenbindung, 12,5 x 19 cm, 64 Seiten, Naturpapier, 9 Schwarzweiß-Fotos,
alle Textseiten mit einem Hintergrundbild hinterlegt, ISBN 978-3-945890-45-5, 10 €

Leseprobe:

WINTER

Es ist Mitte Juli. Die Sonne drückt auf die Schweißdrüsen und ich spüre, wie die gerade heruntergespülte Apfelsaftschorle wieder aus dem überhitzten Körper hinausdrängt. Das Gitarrenduo an der Häuserecke singt sich mit einem Beatles-Song in mein Bewusstsein, bis ich – vom Entzerrungsschmerz gebeutelt – im „All You Need is Love-Fieber“ wieder als 18-Jähriger die Berger Straße hinunterlaufe. Mein Gestern liegt wie der altbekannte Hund im Vorgestern begraben. Die Zeit war dort nicht sonderlich viel besser, höchstens anders. Die Gitarrenklänge verwehen im kurzärmlig daherkommenden Getriebe der Straße. Die Hitze verbeißt sich im geröteten Gesicht, während mein körpereigenes Kondenswasser – der Schwerkraft folgend – aus der Achselhöhe ins Hemd tropft. Mit den Augen verhake ich mich in einen mir entgegenlaufenden Bauchnabel, spüre dabei einen weiteren Anstieg der Hitze, schelte mich einen alten Narren, registriere den dadurch herbeigeführten Temperatursturz, bilanziere in Sekundenbruchteilen meine Stimmung, bis ich das trübe Licht einer Deckenlampe vor der Tür zum Eiskeller eines Getränkehändlers halluziniere. Vom demoskopischen Wahrscheinlichkeitsfaktor des für Männer hochgerechneten Lebensalters ziehe ich die Summe der bereits hinter mich gebrachten Geburtstage ab, um dann mitten im Sommer endgültig zu spüren, wie sich mein Leben gerade durch den eigenen Herbst schlägt, es nicht mehr lange dauern wird, bis die ersten Schneeflocken fallen und mein Selbst durch tief verschneite Wälder in die Kälte der Unendlichkeit stapft, wo das glitzernde Weiß mit dem eisigen Funkeln der Sterne rivalisiert. Mein ungeschütztes Gemüt überzieht sich mit hauchzartem Reif. Ich betrachte die Menschenschlange vor dem Eissalon, dieses Sahnehäubchen des Sommers, diesen Botschafter winterlicher Eiszeit, der bereits lange vor dem Winter dichtmacht und so vielleicht die Sehnsucht nach jener Kälte schürt, die ich mir im Moment gerade nicht sonderlich gut vorstellen kann. Begriffsstutzig geworden, starre ich wortlos den sich nach dem Bus zur U-Bahn-Station „Eissporthalle“ erkundigenden Passanten an, bis jeder von uns innerhalb eines Wimpernschlags den Eindruck gewinnt, dass der andere sie nicht mehr alle hat. Meine Laune stürzt wie ein abgeschossener Jagdbomber ins Bodenlose, gefriert zu einem Eiszapfen, während aus den Tiefen meines Gewissens jener Auftrag an die Oberfläche drängt, welchen mir die legendäre Gründerin des Frankfurter Haiku-Kreises – Erika Schwalm – vor Wochen erteilt hat, von der ich in diesem Augenblick noch nicht weiß, dass sie, wenn der erste Schnee fällt, bereits zu den Seligen zählen wird. Im Kopf ihre keinen weiteren Aufschub duldende Stimme: „Hast du das Winterthema fürs nächste Haiku-Seminar schon auf die Reihe gebracht?“

Es ist, als hätte man mich bei einer Außentemperatur von 26 Grad innerhalb eines Sekundenbruchteils auf minus 13 Grad schockgefrostet.

Fähigkeiten

Gepostet am

25. Juni 2021