Lampenfieber

„Lampenfieber“, Brigitte ten Brink, Silvia Kempen und Gabriele Hartmann, 6 Rengay
Faltbuch, Handarbeit, A7 aus A4, 2016

Rezension Rüdiger Jung

Nein, man muss nicht gleich an die Parzen oder Nornen denken, wenn drei hochkarätige Dichterinnen gemeinsam ein heißes kreatives Garn spinnen. Durchaus aber darf man auf antike mythologische Motive in neuer, verblüffender Lesart ebenso gespannt sein wie auf originär Christliches oder Motive aus der Geschichte der Naturwissenschaften.

Die 6 Rengay, an denen jeweils alle drei Autorinnen beteiligt sind, bieten jeweils alternierend drei- und zweizeilige Abschnitte und gleichen somit jeweils – salopp gesprochen – einem Dreifach-Tanka. Eine Struktur, die ermöglicht, dass jede der drei Dichterinnen einmal mit drei, einmal mit zwei Zeilen zu Wort kommt.
 
 „am Ende“ sind die drei Damen ganz sicher nicht, auch wenn sie eines der Rengay so titeln. Wir haben es vielmehr mit einem sehr hoffnungsvollen Anfang zu tun, der nach Fortsetzung verlangt.
 
 „weißt du noch“ lautet eine andere Überschrift – zur Antwort findet dreifache Imaginationskraft in schillernder Synthese. Der erste Rengay-Titel scheint mir indessen der Bezeichnendste: „um die Ecke“ – denn hier wird kräftig um die Ecke gedacht, gefühlt, geschrieben, gedichtet.

Das „Lampenfieber“ – Überschrift eines der Rengay wie des ganzen bezaubernden Faltbüchleins – dürften die Autorinnen frühzeitig abgelegt haben – so beglückend, wie ihr Zusammenspiel gerät.
 
 „um die Ecke“ gedacht: das allzu bekannte Kulturgut wird seinem Herkommen heilsam und spannungsvoll entfremdet:

Jubelschreie …
das Schiff des Theseus
angekommen

(um die Ecke, 5, GH)

Aufgepasst: wir sind bei der Landung auf Kreta, Ariadne darf noch träumen. An Naxos noch kein Gedanke, auch nicht an das falsch gesetzte Segel der Heimkehr, infolgedessen der Vater des Helden sich das Leben nimmt und der Ägäis ihren Namen gibt.
 
 „am Ende“ kreuzt „Darwin“ die Wege „Humboldts“ – und wieder ist die Verlockung groß, Geschichte neu und anders zu erzählen, zu imaginieren, was wäre wenn … Nicht jedes Scheitern tut der Freude oder gar der Poesie Abbruch:

geplatzte Seifenblasen
ein kleiner Junge jauchzt

(weißt du noch, 6, BtB)

Beim „Lampenfieber“ meldet sich die Aufregung vor dem Auftritt, aber auch das alte Spiel von Motte und Flamme und – warum nicht? – das Phönix-Motiv:

Verbrennungen
dritten Grades … aus Asche
ein neues Wort

(Lampenfieber, 5, GH)

Der Mythos – zumal sein weibliches Personal – geht mit der Zeit; mit „Heras Zorn“ ist nicht zu spaßen; für Jupiter / Zeus mündet er in waschechte Melancholie:

verkatert – um den Kopf
die Ringe des Saturn

 (25, 6, SK)

Rüdiger Jung