Variationen

Haiku 2020 von Gabriele Hartmann
Softcover, Ringbindung, Din A6 quer, 168 Seiten, ISBN 978-3-945890-28-8

Rezension Rüdiger Jung

Gabriele Hartmann ist nichts Menschliches fremd. Für mich ein wesentlicher Grund dafür, dass ich ihre jährlichen Zusammenstellungen der einzeln an verschiedenen Stellen veröffentlichten Haiku wirklich herbeisehne. Sind doch da feiner Humor und tiefere Einsicht immer wieder ganz nah beisammen:

ganz der Vater
die grauen Köpfe
über dem Kinderwagen (S. 9)

„die grauen Köpfe“ haben ein ganz natürliches Interesse an Dauer und Fortbestand. Ähnlichkeiten mögen evident sein – oder (autsch!) an den Haaren herbeigezogen. Ähnlichkeiten können den Betroffenen zum Schaden sein oder zum Nutzen. Niemand aber geht ganz in seinen Ähnlichkeiten auf – geschweige denn, jemand sei jemals „ganz der Vater“. Im „Kinderwagen“ ausgefahren wird ein neues Leben, das hoffentlich einmal seinen ganz eigenen Weg findet (wenn auch, dankenswerterweise, ohne den steten Zwang, das Rad neu erfinden zu müssen).

Überhaupt: Neuanfänge – Haiku sind wie geschaffen dafür:

am Morgen
danach – gemeinsam
neue Tassen kaufen (S. 95)

Klingt das nicht ganz herrlich nach Versöhnung, nachdem zuvor einiges zu Bruch gegangen ist? Nicht zu vergessen: Man sollte schon alle „Tassen im Schrank“ haben!

Noch die märchenhafteste Chance (verwunschener Prinz !) kann sich wiederholen, wenn frau sich nur einen Ruck gibt:

im Frühlingslicht
der Frosch vom letzten Jahr
mein Herz tut einen Sprung (S. 79)

Selbst der Erfolg im Glücksspiel kann Angst auslösen, solange mit Neidern gerechnet werden muss:

drei gleiche Symbole
die Angst gesehen
zu werden (S. 109)

Dass noch der bestgemeinte Ratschlag einen Stich zu versetzen vermag, dürfte im folgenden Beispiel kaum einem Zweifel unterliegen:

zwischen den Lippen
eine Nadel warnt Mutter
vor der Liebe (S. 123)

Gabriele Hartmanns Haiku sind so einfach (und kompliziert!) wie das Leben – auf jede Zeile kommt es an:

sie wünscht sich
nichts (S. 68)

klingt für sich genommen resignativ. Aber sobald dem als erste Zeile „tiefe Blicke“ vorausgehen, ist die leitende Assoziation eine ganz andere: wunschlos glücklich!

Stille Nacht
der Dirigent hebt
den Taktstock (S. 23)

Erst einmal verspürt man gar nicht das Widerständige, hat man doch die einschmeichelnde Melodie von „Stille Nacht, Heilige Nacht“ sofort im Ohr. Erst das bewusste, isolierte Wahrnehmen des Wortes „Stille“ lässt ahnen, dass der Dirigent vor nichts Geringerem steht, als der Quadratur des Kreises. Wenn es denn hier um einen menschlichen „Dirigenten“ geht – was im Kontext der Weihnacht nicht die einzige Lesart ist. Ein göttlicher Dirigent könnte durchaus die Stille orchestrieren – wider all unseren Unfrieden und Lärm.

Deutliche Spuren des Corona-Jahres 2020 trägt der folgende Karfreitags-Vers:

der Tod Jesu
a b g e s a g t (S. 57)

Im Rahmen des ersten Lockdown entfielen die für die Karwoche und das Osterfest obligaten großen Präsenz-Gottesdienste. „der Tod Jesu / a b g e s a g t“ klingt nach Rettung des Gottes- und Menschensohnes. Theologisch liegen die Dinge komplizierter: der „Good Friday“ entfiele – als Tag unserer Rettung und Erlösung, unseres Heils. Sieben Silben reichen der Autorin, um die ganze Problematik anzureißen, die sich ergibt, wenn Christen ihre großen Festtage nicht gottesdienstlich begehen können!

Eine besondere Gabe der Autorin ist es in meinen Augen, gerade in Anbetracht der Natur menschlicher Sehnsucht poetischen Sprachraum zu eröffnen:

Kranichrufe
unter den Wolken die Stadt
menschenleer (S. 46)

Natürlich! Wen hält es in der Stadt – wenn es draußen vor den Toren das wehmütige Vogel-V zu gewahren gilt – ganz gleich, ob es um den Abflug geht oder die Wiederkehr. Das Ganze kennt auch noch eine individuelle Lesart – nicht ohne feinen Humor:

Kranichrufe
er sagt – er geht
Zigaretten holen (S. 108)

Macht da einer den Kerkeling – und begibt sich auf den Jakobspilgerpfad? Nicht ausgeschlossen!

Ich schließe mit einem meiner Lieblingshaiku. Weil hier die Augen selber dürfen, was wir sonst nur den Blicken zugestehen

Papierdrachen
unsere Augen tanzen
im Wind (S. 142)

Fähigkeiten

Gepostet am

5. Februar 2021