Schneckentempo

„Schneckentempo“, Georges Hartmann, Gedankensplitter

Taschenbuch, 128 Seiten, 2018, ISBN 978-3-945890-38-7 (

Rezension Dana Polz

Von Geschwindigkeiten kleiner Tiere und mehr als nur „Gedankensplittern“

„Die einen kramen … in ihren Erinnerungen und wissen plötzlich, dass früher alles besser war, während andere die Zukunft beschwören oder sich an Planungen ergötzen, als wären sie gerade erst volljährig geworden. Die Wahrheit liegt – wie bei so vielen Dingen – höchstwahrscheinlich zwischen den Extremen und ist selten spannend.“ (S. 9)

Es sind Sätze wie diese, die – das sei vorweg geschrieben – den Reiz dieses 128 Seiten schlanken Büchleins ausmachen: leise Sätze, (er)nüchtern(d)e Sätze, berauschend kluge Sätze. Berauschend klug?!, würde manch einer nun empört ausrufen. Was soll das denn heißen, berauschend klug?! – Subjektiv, darf man durchaus einwenden; jeder berauscht sich an anderem, und jeder findet anderes klug.

Berauschend klug kann sein, wenn ein Autor der Leserseele mit wenigen Worten ein Ja! entlockt. Der Leserseele – oder was es auch immer ist, das da scheppert im Inneren, fühlt sich der Linienbus wie so oft in der Pflicht, sich mit Schlaglöchern zu duellieren. „Es ist überhaupt so eine Sache mit den ganzen Verpflichtungen, die man im Leben eingeht …“, schreibt Hartmann auf Seite 11. Und weiter: „Zwischendurch hat man so ziemlich von allem den Hals voll und träumt davon, mal in eine andere Haut schlüpfen zu können, um dann z.B. zwei Tage lang morgens früh in einem japanischen Kloster, statt im Büro aufzuwachen, oder mal ein Star zu sein, um den sich alle reißen oder, oder …“

Über unbehandelte Möglichkeiten zu phantasieren, die Möglichkeiten: euphorisierend unzählbar – desillusionierend ungenutzt; wurzelt darin nicht jener manisch-depressive Charakter, der jeglichen Lebenslauf so manches Mal beschleunigt, so manches Mal ausbremst? Ja! – befindet im Mindesten (m)eine Leserseele. Schneckentempo ist stille, ist intensive Prosa, an einer Stelle bestechend charmant, „flirte[t]“ das lyrische Ich „… mit einer noch jungfräulich auf dem Küchentisch liegenden Tafelschokolade“, welche es „an diesem lausigen Sommertag entweder an Ort und Stelle vernaschen oder auf die Couch entführen könnte, um sie dort genussvoll aus der Verpackung zu schälen“ (S. 31), an anderer erheiternd offen, sinniert es „in einem Anfall überschnappender Heiterkeit“ darüber, „wie das so wäre“, würde es sich „justament einen runterholen“ – „eine Vorstellung, die dem Herzkasper einen zusätzlichen Schub verpasst […]“. (S. 49)

Das lyrische Ich, es resigniert vor der Einsicht, in diesem Leben nicht mehr allzu einsichtig zu werden. „So stelle ich ein bisschen Phantasie neben die Realität, träume vor mich hin, merke, dass nach den paar Buchstaben schon wieder eine halbe Stunde vergangen ist … Der Garten und die Briefe? Morgen ist auch noch ein Tag.“ (S. 11 f.)

Dem alltäglichen Wahnsinn entfliehen – von dem wir uns ein bisschen mehr Wahnsinn erhoffen. „Es ist die klare Konturen annehmende Gewissheit im Spielball der Kräfte wieder einmal zu unterliegen.“ (S. 56 f.) Nicht nur brilliert Hartmann mit einer nahezu luftröhrenabschnürenden Leb-, ja, Wahrhaftigkeit; seine sinnliche Sprache ist es, die vollends überzeugt, die sich nicht verliert in ihrer Sinnlichkeit, die sinnlich sein kann, ohne den Leser an Zuckerschock verenden zu lassen. „Unter den Birken sitzen, den Geruch der gerade gemähten Wiese einatmen und vom Herbst träumen. Meine Blicke verlieren sich im Grün der Büsche und im Gewirr des auf dem winzigen Nutzbeet wuchernden Allerleis, an dem sich die Bienen gütlich tun.“ (S. 63) oder: „Die Trägheit übermannt mich, die Gedanken laufen ineinander und bilden einen bunten Strom, auf dem ich in eine andere Welt geschwemmt werde. Ich nutze die Suggestionskraft der eigenen Vorstellungen und überlege, warum ich nicht in einer Bergbauernfamilie zur Welt gekommen bin. Im selben Atemzug bedaure ich dieser und anderer Fragen und grinse leicht verlegen in mich hinein.“ (S. 65)

Ausweglosigkeit um der Ausweglosigkeit Willen: sich im Leben – wie im Lesen – einem Schmerz hingeben, der sich nicht anbiedert, der nicht in Bedeutungslosigkeit, nicht ins Lächerliche abdriften lässt.

Alles ist vergebens, aber nichts ist umsonst – in Schneckentempo.

Dana Polz

Rezension Rüdiger Jung

„Die Lage ist dramatisch, aber nicht ernst.“ (S. 87)     

         Wandelt hier einer auf den Spuren der „Maulwürfe“ Günter Eichs, um die „Rettung der Poesie im Unsinn“ (Peter Horst Neumann) zu versuchen? Was die Königsklasse im Sarkasmus betrifft, könnte das angehen:

         Ich liebe ihre Firma, die sich dem Wohl des Kunden verpflichtet fühlt und diesem als unentgeltliches Schmankerl zu einer witzigen Abart eines ansonsten teuer zu bezahlenden Überlebenstrainings verhilft. (S. 96)

         Alle Tassen im Schrank, alle Latten am Zaun war gestern:

         … als hätte ich nicht mehr alle Bretter im Regal. (S. 67)

         Eine Sprache der Überbietung lässt früher gängige Formen der Ironie bis zu mikroskopischer Optik schrumpfen:

         … so dass ich mir denke, dass der wohl keine Tassen mehr in seinem Schrank auf Vollständigkeit zu prüfen braucht. (S. 37)

         Wenn der Autor einen und eines aufs Korn nimmt, dann immer wieder sich selbst und das eigene Umfeld:

         Wir, die wir an der Schwelle zum Frühling noch ein bisschen Winter an der Seele kleben haben … (S. 10)

         schreibt da einer hochpoetisch, und es mindert das Wohlgefallen keineswegs, die Reminiszenz an Bert Brecht deutlich herauszuhören. Trotzig wie eine Frisur, der nicht Kamm noch Schere beikommen kann, charakterisiert der Autor sich selbst:

         Aber wie es mit dem guten Schorsch halt meistens ist: je mehr Druck gemacht wird, um so weniger neigt er zur Umsetzung dessen, was die Logik eigentlich gebieten würde. (S. 49)

         Gehen wir getrost davon aus, dass der nächste Satz in der Hauptsache kein Outing im Sinne einer spätantiken Philosophie sein will:

         Wer für nichts ein Talent besitzt, wird halt Beamter und lässt beim nächsten Treffen alle Witze stoisch über sich ergehen. (S. 35)

         Für Kollegen heißt das mitgefangen – mitgehangen:

         Die täglich neu inszenierte Hackordnung im Dreipersonen-Schlafzimmer, das seltsamerweise auch Büro genannt wird … (S. 57)

         Lassen wir uns nicht täuschen! Der strengste Blick gilt immer dem eigenen Konterfei im Spiegel, und das keineswegs nur leichthin und spaßeshalber:

         … bis ich endlich begriffen hatte, dass meine Toleranz wohl gerade in einem Stau festgesteckt haben muss oder diese halt doch bloß theoretischer Natur ist, was lawinenartig weitere Selbstzweifel ausgelöst hat. (S. 79)

         Was erwartet uns unter der Überschrift „Testosteron“?

         Ein verführerisches: „Heidelbeerjoghurt“ … was sich im Kopf ebenso überirdisch anhört, wie das durch die schier unendlich verzweigten Gänge der Pariser Metro schon aus großer Entfernung heranwogende Spiel eines Saxofons. (S. 30)

         Es kommt noch weit drastischer. Der Autor flirtet:

         … in diesem Augenblick mit einer noch jungfräulich auf dem Küchentisch liegenden Tafel Schokolade, die ich an diesem lausigen Sonntag entweder an Ort und Stelle vernaschen oder auf die Couch entführen könnte, um sie dort genussvoll aus der Verpackung zu schälen. (S. 31)

         Schlimmer geht nimmer? Ich fürchte, doch:

         Aus dem oberen Regal schaut mir ein Plüschhase interessiert auf den Schädel und in Augenhöhe lächelt mir eine Elfe im Blumenkleidchen verlegen in die Pupillen, so dass ich plötzlich an Dinge erinnert werde, die bei dem mittlerweile eiskalt im Tonbecher stehenden Beruhigungstee weitaus nutzbringender aufgehoben sind, als von einem zu Abenteuern inspirierenden Glas Wein verführt zu werden. (S. 104)

         Weit gefehlt, nur das Lachen zu hören. Georges Hartmann ist ein brillanter Stilist, mitreißend – aber auch der köstlichste Sarkasmus ist irgendwo von schmerzlichen Erfahrungen grundiert:

         Ich lege den Kopf in den Nacken, ängstige mich bei dem Gedanken, dass jetzt meine verblichenen Erzeuger von dort oben wutschnaubend auf mich herabschauen könnten, weil sie ihren Mustergarten nicht mehr wiedererkennen und ich vornehmlich von meiner Mutter wieder ordentlich in den Senkel gestellt werde, während sich mein Väterchen wie immer aus allem heraushält, was ihm aber schon zu Lebzeiten keinen einzigen Pluspunkt eingetragen hat. (S. 63)

         Der “Zeitbrunnen“, der sich an dieser Stelle geöffnet hat, hallt nach – mit ihm das Thema der Endlichkeit. Es begegnet in dieser Prosa Schritt für Schritt – wie im wirklichen Leben:

         Die Verselbständigung des Unaufhörlichen, das nach gültigem Verständnis – Urknall hin oder her – schon immer war und immer sein wird, steht zumindest im Gegensatz zur irdischen Endlichkeit unserer Existenz, eine Vorstellung, die in unseren Köpfen möglicherweise dazu beiträgt, der Ewigkeit das Anderssein zu neiden … Die Angst vor der Begrenzung des Seins sowie das Gefühl, auf einer tickenden Zeitbombe zu sitzen und bis zum Ablauf der uns tatsächlich vergönnten Zeitspanne die Gestade der Zeitlosigkeit zu verpassen, den Sinn unseres Hierseins nicht zu begreifen, lastet offensichtlich ziemlich schwer in unseren Köpfen. (S. 100)

         Hier weiß sich der Haiku-Autor, dessen tiefes Naturempfinden für mich auf den Seiten 19 (Beginn von „Selbstbetrachtung“), 62 („Die Hände im Fell der Schafe vergraben“) und 63 (Beginn von „Zeitbrunnen“) konkreten Niederschlag gefunden hat, der Kreatur verbunden:

         … hinter dem sich sechs Kühe das Gras schmecken ließen und dabei so genüsslich schnauften, als gäbe es kein Schlachthaus“(S. 69)

         Sarkasmus ist da durchaus eine Waffe – und nicht einmal die stumpfeste:

         “Heia Safari“, konnte ich da nur nuscheln und hoffen, dass der Sensenmann die Klinge an seinem Arbeitsgerät noch nicht wirklich geschärft hatte und mich fürs erste nochmal bis ins nächste Jahr unter der Auflage, mir wirksame Maßnahmen einfallen zu lassen, entwischen ließ. (S. 72)

         Selbst ein zutiefst berührendes Musikstück „knackt“ den Autor nicht. Er hat eine ganz eigene Gabe, sich Dinge vom Leib (wenn nicht gar der Seele) zu halten, ein „beinahe“, um das man ihn beneiden könnte:

         „Blackbird fly into the light of the dark black night“, schwappt die Melancholie an mein Ohr, so dass ich beinahe eine Gänsehaut bekomme“ … (S. 59)

         Kein Zweifel: tiefe Verluste sind Hartmanns neuem Buch eingeschrieben. Vor allem die der langjährigen literarischen Weggefährten: Erika Schwalm (S. 77) und Mario Fitterer (S. 105). Letzterer war nicht nur eine der großen Stimmen im deutschen Haiku, sondern auch ein begnadeter Stilist einer Prosa, die nach Intellekt und Sprache gleichermaßen die tollsten Kapriolen schlug. Georges Hartmann ahmt ihn nicht nach; er ist vielmehr der legitime kongeniale Zwilling.

Soll man Georges Hartmann die geflachste Nähe zur Stoa (s. o.) durchgehen lassen? Eher sehe ich ihn auf den Spuren Heraklits‚ singt er doch ein Loblied steten Wandels:

         … die Konzentration auf das Wesentliche. Ich verbiete mir, diesen Begriff weiter auszumalen, weil ich meine Wunschvorstellungen täglich neu frei verhandele (Anmerkung des Rezensenten: Habermas lässt grüßen!) und Dinge, die gestern noch wichtig waren, heute schon auf dem Sperrmüll liegen könnten … (S. 115) Nein, ich rede nicht so wie ich schreibe, bin eher schweigsam und liebe das Zuhören …

         entschuldigt sich der Autor geradezu – eine Seite vor Schluss (S. 124)‚ als wäre da noch eine Chance, unserem Chapeau zu entgehen. Da lob ich mir den letzten Satz – wann bitteschön las ich zuletzt ein Buch, das mit der klassischen rhetorischen Figur der Captatio benevolentiae den Schleudersitz nahm?

         Wohlwollende Rückmeldungen könnten auf mein ängstliches Gemüt jedoch durchaus wie Balsam wirken. (S. 125)

Rüdiger Jung