Neu

Was heißt denn hier Neu?

Neugierige kosten ein Appetithäppchen, Stammgäste können auf einen Blick erkennen, ob einzelne Haiku, Tanka, Haiga oder Haibun von Georges oder Gabriele Hartmann neu veröffentlicht wurden, welches neue Buch der bon-say-verlag gerade herausgegeben hat, ob schon eine Rezension erstellt wurde und vieles mehr.

Welche Veranstaltung man sich vormerken sollte, sehen Sie unter Termine.

Allerdings ist nach spätestens drei Monaten auch das Neue nicht mehr neu genug und wird aus dieser Auflistung verschwinden.

Tipps:
Öfter mal reinschauen, damit Sie nichts verpassen.

Und wenn Sie gerne weitere Haiku, Tanka und Co lesen wollen, klicken Sie unter Verlag die Buchcover an. Dort sind Leseproben und Rezensionen hinterlegt. Und alle Haiga finden Sie unter Markt.
Viel Vergnügen wünscht

Gabriele Hartmann

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neu am 4. April 2020
ein Buch von Christof Blumentrath und Gabriele Hartmann

das weiße Album

Das weiße Album der Beatles stand Pate für das gleichnamige Buch mit Renhai von Christof Blumentrath & Gabriele.
30 Renhai und 11 Fotografien auf 48 Seiten, Naturpapier, 21 x 21 cm, Hardcover, Fadenbindung … doch das sind nur die Fakten.
Der jeweilige Song-Titel (T) findet seinen Platz als erste Zeile des zweiten Verses. Der erste Autor verfasst sowohl den ersten (dreizeiligen) Vers als auch die zweite Zeile des zweiten (zweizeiligen) Verses. Danach schreibt der zweite Autor den (dreizeiligen) Abschlussvers. Auf eine Überschrift wurde bewusst verzichtet … doch auch das sind nicht viel mehr als trockene Worte, die den Prozess des Schreibens beschreiben. Die beiden Autoren ließen sich von den Song-Texten inspirieren und haben diese doch frei interpretiert.
Was dabei herausgekommen ist? Hier eine Kostprobe:

alte Liebe
ihrem Körper fehlt
eine Saite

Sexy Sadie
am Parfüm erkannt

verkosten
eine Cuvée
aus Domina und Regent

CB T CB GH

Das Buch kann für 14 € portofrei bestellt werden. E-Mail: info@bon-say.de

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neu am 4. April 2020
ein Haiga von Gabriele Hartmann

neunzehn

19
die Zahl meiner Wünsche
exponentiell reduziert


erst: Haiga im Focus, Hrsg. Claudia Brefeld

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neu am 2. April 2020
ein Haiku von Gabriele Hartmann

blaue Hyazinthen
im Traum noch
ihr Duft

blue hyacinths
in my dream still
their scent

夢の中の
青いヒヤシンスまだ
その香り

erst auf
http://www.haiku-hia.com/germany/128.html

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neu am 1. April 2020
11 Haiku von Gabriele Hartmann

Ostertage
von Pfütze zu Pfütze rankt
eine Fahrradspur

die Milchstraße …
biegen Sie jetzt
recht ab

Hütehunde
wir werden Teil
der Herde

Schweigeminute
knisternd entfaltet sich
Cellofan

für immer …
auf der Drehscheibe die Gravur
ihres Lächelns

geklöppelte Zeit
auf der Kredenz liegt
feiner Staub

Kranichrufe
unter den Wolken die Stadt
menschenleer

milchiges Licht
ein Stock betastet
die Bordsteinkante

Autobiographie
die Innenseite seiner Hände
feucht

seidige Wimpern
in den Schnee getuscht
die Spur der Amsel

Neujahrsmorgen
wir erzählen uns
unsere Träume

in „Honigspur“, Haiku-Jahrbuch 2019, Hrsg. Dr. Volker Friebel
und auf Haiku-Heute

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neu am 1. April 2020
8 Tan-Renga mit Gabriele Hartmann

auf dem Pilgerpfad
unerreichbar das Ende
des Regenbogens

im Sucher der Kamera
ein entrücktes Lächeln

Brigitte ten Brink / Gabriele Hartmann


raschelndes Laub
behutsam trete ich
näher

Mondschein fällt
auf leere Schneckenhäuser

Gabriele Hartmann / Brigitte ten Brink


kleine Worte
in die weiche Nacht
geflüstert

unter ihren Augen
verschmierte Tusche

Christof Blumentrath / Gabriele Hartmann


blasse Gräser
der Nebel verändert
seine Worte

zwischen gestern und morgen
wilde Gänse

Silvia Kempen / Gabriele Hartmann


Morgenlieder
noch während der Regen fällt
werde ich Amsel

betrete den schmalen Pfad
– allein

Gabriele Hartmann / Silvia Kempen


hülle mich
in geflüsterte Worte
Nordwind

alte Geheimnisse
kommen ans Licht

Gabriele Hartmann / Ingrid Meinerts

ein Wort sagen
das gar nichts sagt
Kirschblüten

rot gefüttert
der Ärmel ihres Kimonos

Volker Friebel / Gabriele Hartmann


Tangoschritte
hinter der Jalousie
alte Augen

die Musik endet nicht
als er geht

Gabriele Hartmann / Volker Friebel

in „Honigspur“, Haiku-Jahrbuch 2019, Hrsg. Dr. Volker Friebel
und auf und auf Haiku-Heute


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neu am 20. März 2020
ein Haiga von Gabriele Hartmann

Ostersonntag

Ostersonntag
wir suchen noch immer
nach dem Sinn

erst: in Sommergras 128; Hrsg.: Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

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neu am 20. März 2020
vier Haiku von Gabriele Hartmann


weiße Hussen
die Kinder spielen
Winter

blaue Hyazinthen
im Traum noch
ihr Duft

spielende Schatten
eine Tür 
öffnet sich

innere Stimmen
der Birnbaum singt
sein Abendlied

erst: in Sommergras 128; Hrsg.: Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

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neu am 20. März 2020
zwei Tanka von Gabriele Hartmann

Mutters Gebäck …
wir mürbe es doch wurde
in der Blechdose
derweil ihr Tadel behält
seinen Biss

er spricht
– sein Ohr an meiner Brust –
von Zwischentönen
die nun – nach all den Jahren –
doch ihn stören

erst: in Sommergras 128; Hrsg.: Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

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neu am 20. März 2020
ein Tan-Renga von Silvia Kempen und Gabriele Hartmann

Mutter am Arm
von Eiszapfen gestützt
der morsche Steg

will gar nicht enden heut’
der Strom ihrer Worte

SK / GH

erst: in Sommergras 128; Hrsg.: Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

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neu am 20. März 2020
zwei Tan-Renga von Christof Blumentrath und Gabriele Hartmann

Schneewolken
Weißnäherinnen säumen
den 10-Stunden-Tag

wie klein die Welt
durch Omas Brille

GH / CB

letzter Walzer
wir umkreisen
uns

auf der Zunge
ein bitterer Geschmack

CB / GH 76

erst: in Sommergras 128; Hrsg.: Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

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neu am 20. März 2020
zwei Tan-Renga von Brigitte ten Brink und Gabriele Hartmann


goldener Schnitt
was ich dir schon immer
sagen wollte …

ihr Blick verliert sich
in einem Strauß Sonnenblumen

GH / BtB

Morgendämmerung
ein Vogelschrei streift den Rand
meines Traumes

lange Fransen – im Grau
der Weide tanzt der Wind

BtB / GH

erst: in Sommergras 128; Hrsg.: Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

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neu am 20. März 2020
eine Rezension von Brigitte ten Brink zu


vollendet und Heilige Quelle
zwei Origami-Faltbücher von
Volker Friebel und Gabriele Hartmann

Ein Origami-Faltbuch besteht aus einer DIN A4 Seite, die nach dem Bedrucken so gefaltet wird, dass ein sechs- bzw. achtseitiges (wenn die Titelseite und die Rückseite mitgezählt werden) Büchlein mit einer Höhe von 10,5 cm und einer Breite von 7,5 cm entsteht. Ein minimalistisches Format also, passend zu den sprachlich und formal minimalistischen Inhalten der Tan-Renga mit dem Haiku affinen ersten (dreizeiligen) Vers des einen und dem vom anderen Autor verfassten zweiten (zweizeiligen) Vers.

Gabriele Hartmann (GH) und Volker Friebel (VF) verstehen es hervorragend, die jeweils im ersten Vers vorgegebenen Inhalte des Partners fortzuführen und einen manchmal überraschenden, manchmal weiterführenden Gedanken im zweiten Vers hinzuzufügen. So wird der Inhalt des ersten Verses entweder direkt sprachlich durch das Aufnehmen eines Wortes aus dem ersten Vers, das nicht wiederholt wird, jedoch assoziativ in sein Umfeld gehört, oder auch rein atmosphärisch eine Stimmung aufgreifend, weitergesponnen oder aber er erhält einen neuen Aspekt.

Ist das Tan-Renga gelungen, entfaltet sich im Kopf des Lesers beim Lesen eine Geschichte.

im Stadtkanal
ein Schwarm Blätter nimmt Kurs
auf die Bibliothek

an manches Wort von ihm
denke ich noch immer

VF / GH

Bemerkenswert ist hier die Doppeldeutigkeit der „Blätter“. Deren eine Sinnvariante wird zusammen mit der „Bibliothek“ durch den Begriff „Wort“ im zweiten Vers in meiner Lesart zu einer Geschichte von Abschied und Trennung, die auch in dem zweiten Tan-Renga aus dem Büchlein „vollendet“, das hier zitiert werden soll, unterschwellig spürbar sind.

Tangoschritte
hinter der Jalousie
alte Augen

die Musik endet nicht
als er geht

GH / VF

Hat in dem Büchlein „vollendet“ hauptsächlich die Melancholie eine Heimat gefunden, so kommen in „Heilige Quelle“ noch Sehnsucht und Vergeblichkeit des Tuns und die Suche nach dem Sinn allen Geschehens hinzu.

kaue am Pinsel
der Versuch Stille zu malen
bleibt Schnee

das Radio scheppert
neue Zahlen vom Krieg

GH / VF

Nachtflug
das rhythmische Flackern
der Fernseher

navigiert durch die Zeit
Ikarus mit seinen Federn

VF / GH

Die Tan-Renga von Gabriele Hartmann und Volker Friebel sind Geschichten aus dem Leben, Geschichten über die Welt – und dies alles in fünf Zeilen.

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neu am 18. März 2020
eine Rezension
von Rüdiger Jung

Gabriele Hartmann
Tanzstunde
Haiku 2019, ISBN 978-3-945890-33-2, 2020, 132 Seiten

„Tanzstunde“ ist ein sehr schöner Titel für die 125 Haiku, die Gabriele Hartmann im Laufe des Jahres 2019 veröffentlicht hat. Ihm ist die Leichtigkeit eigen, die für die Gedichtgattung konstitutiv ist. Einmal mehr überzeugt die Kraft und Unbedingtheit der sinnlichen Wahrnehmung:

Neuschnee
auf Stöcke gestützt queren wir
die Sterne (S. 8)

Zugleich deutet ein vordergründig technisches Malheur das Fragile, Vulnerable an – der zugespitzte Augenblick liest sich gleichermaßen als Satori und Memento mori:

Spannung
die Leinwand schnurrt
zusammen (S. 79)

Das Subtile, Nuancierte, Ambivalente ist die Stärke Gabriele Hartmanns. Dem Leser teilen sich kristalline Augenblicke einer Lebensreise mit, die nicht einfach zu verstehen, zu deuten, abzuhaken sind.

Apfelstrudel
Mutters Rezept
zuoberst (S. 9)

So sehr am Schluss die süffisante Assoziation von „Schlagobers“ mitspielen mag, geht es hier um nichts Geringeres als eine Hierarchie und Deutungshoheit („zuoberst“, auch ein militärischer Beiklang)‚ die auch posthum unantastbar bleibt.

Osterglocken
gleich wird es sich schließen
das Portal (S. 35)

Das schwere „Portal“ lässt die erste Assoziation der Osterglocken – die blühende nämlich – in den Hintergrund treten. Vor dem geistigen Auge ersteht ein imposanter Kirchenbau – Kathedrale, Münster, Dom. Zwei Begegnungen laufen konträr. Für die eine, das Sich-öffnen, steht neben der Narzisse die ganze österliche Auferstehungsthematik. Das sich schließende Portal markiert den Beginn des hochfestlichen Gottesdienstes, aber auch eine Welt, die außen vor zu bleiben droht. Beide konträren Bewegungen vermitteln den Eindruck eines „Kairos“, einer Heilszeit, einer unwiederholbaren Gelegenheit, die sich – den eschatologischen Gleichnissen Jesu zufolge – auch verfehlen, auch verpassen ließe. Ob nicht solche ebenso eindringliche wie vielschichtige lyrische Konzentrate wie die Haiku Gabriele Hartmanns geeignet sind, einer ebenso grundlegenden wie gefährdeten Kulturtechnik neuen Zulauf zu verschaffen?

Leseraum
dicht an dicht
nasse Schirme (S. 45)

Ja, ich höre den Skeptiker in mir: schönes Wetter – und der Spuk ist vorbei. Andererseits halte ich die Fahne der Hoffnung hoch. Gerade, wer über einen Schirm verfügt, wäre auf den „Leseraum“ als bloßes Ausweichareal nicht unbedingt angewiesen!

beim Wegkreuz
verharren – nichts weiß ich
von ihm (S. 49)

Ein Haiku, das in den Widerspruch führt – und gerade so den Leser in seinen Bann zieht. Ja, es stimmt: Name und Daten eines Wegkreuzes verraten mir fast nichts über den Menschen, der hier bei einem Verkehrsunfall den Tod fand. Nein, es stimmt nicht: Name und Daten stehen dafür ein, dass hier ein Mensch wie ich (und der Name evoziert alle sozialen Bezüge, in denen er gestanden haben könnte) unter tragischen Umständen sein Leben verlor, den Tod fand.

Große Rochade
einer der Spieler sprengt
seine Ketten (S. 93)

Die „Große Rochade“ dürfte im Regularium des Schachspiels der größtmögliche Eingriff in die Stellung seiner Figuren sein. Freilich ein einzigartiger und nur einmal möglicher. Wer so spielt, setzt auf ein „Alles oder Nichts“!-Spiel muss nicht immer gefallen:
Drehorgelspiel
tief in unseren Taschen
die Hände (S. 78)

Eine im wahrsten Sinne des Wortes sparsame Geste, die nicht unbedingt vermuten lässt, dass dem Musiker die Münzen gleich reihenweise in den Hut fallen werden. Andererseits: wer stehen bleibt, hört zu, ist nicht ganz gleichgültig, am Ende vielleicht doch noch zur Spende zu bewegen … Das letzte Haiku, das ich betrachten möchte, ist spät im Jahr angesiedelt – und absolut faszinierend:

Heiliger Abend
einer bricht
die Waffenruhe (S. 127)

Gegensätzlichere Wortfelder sind kaum denkbar als „Heiliger Abend“ und „Waffenruhe“. Man mag an Berichte aus dem Ersten Weltkrieg denken, an Feinde, die über Weihnachten die Waffen ruhen ließen, ja, Zeichen des Friedens setzten (die das Fest wohl nicht überdauerten). Aber mir scheint das Haiku viel näher an der Gegenwart, vielleicht auch viel privater. Gibt es da nicht in fast jeder Familie das ungeschriebene Gesetz, Konflikte (die es in der besten Familie gibt) ruhen zu lassen? Möglich, dass da einer ausschert‚ weil ihm das zu gezwungen und zu verlogen scheint. Ich favorisiere noch eine andere Lesart: Jesus, der „die Waffenruhe“ „bricht“, weil es um mehr geht als das – um Frieden, um das grundsätzliche Ja zu Menschen, die anders sind (sein dürfen und sollen) als ich.

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neu am 15. März 2020
zwei Haiga von Gabriele Hartmann

nach sieben Jahren

nach sieben Jahren
noch immer essen wir
Sachertorte mit e i n e r Gabel

einer der Sterne

einer der Sterne
sein letztes Foto
mit der Harmonika

in Memorium Dieter Franke
erst: Haiku-Heute, Hrsg.: Dr. Volker Friebel

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neu am 15. März 2020
ein Haiku von Gabriele Hartmann


dunkle Wolken
das Rauschen der Fritten
im Fett

erst: Haiku-Heute, Hrsg.: Dr. Volker Friebel

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neu am 1. März 2020
zwei Haiga von Gabriele Hartmann

Bachsche Fuge
Bachsche Fuge
nach all den Jahren
die gleiche Tonart
schlaflos
schlaflos
der Turmfalke
bleibt fern

erst Haiga im Focus, Hsg. Claudia Brefeld

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neu am 16. Februar 2020
ein neues Buch von Georges Hartmann


„Über das Einlegen von Pausen“, Georges Hartmann, Gedankenfreiheit
Taschenbuch, 116 Seiten, 2020, ISBN 978-3-945890-39-4

über das Einlegen von Pausen

Rezension Dana Polz

„‚[…] auf das Eigentliche zurückgeworfen […]‘ das Wesentliche freizulegen“

Trägt zwar sein aktuelles Werk den vielbodigen – und durchaus pointierten – Titel Über das Einlegen von Pausen, hätte dieser alternativ Über das Abtragen von Schichten lauten können; scheut sich doch Autor Georges Hartmann, dessen „Gedankensplitter“ Schneckentempo man – hoffentlich! – gelesen hat, nicht, qua literarischen Alter Egos seine gelungen skizzierten Figuren zu häuten, Hautschicht für Hautschicht abzutragen, „[…] auf das Eigentliche zurückgeworfen“ (S. 50) das Wesentliche – ihr Wesen(tliches) – freizulegen:  „[…] [mit] vorsichtig[em] [Blick] zur Seite, wo ebenfalls kunstvoll eingewickelte Skelette herumsitzen, die ein Gläschen Sekt oder eine beladene Kuchengabel in der Knochenhand halten und alle so tun, als wäre es das Normalste auf der Welt.“ (ebd.)
Weiters konstatiert das prosaische Ich: „Einmal mehr ist es die mich wie eine Erleuchtung überfallende Erkenntnis des Endlichen und das uns allen beschiedene finale Ergebnis, nach dem wir in der Ewigkeit […] bei Null anfangen oder einfach nicht mehr da sind.“ (ebd.)
Während andere Lektüren in vagen Worten spirituellen Sehnsüchten nachgehangen hätten, konzentriert sich Hartmann auf ein Bewahren dessen, das erwähnte Sehnsüchte – andernfalls – bloß noch in Form leidlich befriedigender Erinnerungen tangieren könnten: buchstäblich Körperliches, buchstäblicher Körperlichkeit extrahiert. „Über das Einlegen von Pausen“ erzählt Hartmann in doppelter Weise: über das Pausieren, das Innehalten primär und das Einwecken von (Körper)Momenten sekundär – augenscheinlich! Dass nämlich das Augenscheinliche das Substanzielle gern als Membran überlagert – ergo das Substanzielle erst freigelegt werden muss –, ist keine Idee des Gestern. Dass wiederum das Substanzielle – (unter) dem Augenscheinlichen erst (hervor-)entrissen und der Sichtbarkeit preisgegeben – eines besonderen Schutzes bedarf, ist nach wie vor eine Problematik des Heute.
Hartmanns Sprache ist eine Sprache des Konservierens, ein Abdichten und Verkapseln des Substanziellen – hier: des literarischen Moments, des sprachlichen Partikels, an dem sich Literarizität messen lässt – zum Schutz vor allzu aggressiven (hermeneutischen) Oxidationsprozessen, ohne es der naturgemäßen Eintrübung, der Nicht-Einsehbarkeit seines ursprünglichen Zustandes zu überlassen. Was dem Licht, der Luft, dem gefräßigen Auge des Lesers ausgesetzt ist, droht zu verderben, und was zu verderben droht, kann post mortem betrauert oder ante mortem haltbar gemacht werden.
Dementsprechend entsagt Hartmann den narrativen – auf verlockende Weise fest im Grund literarischer Zeitlichkeit verankerten – Instanzen Davor und Danach, lässt sein prosaisches Alter Ego – die buchstäbliche Körperlichkeit – wie dessen Organismus mit all seinen Bestandteilen – im Einzelnen: das extrahierte buchstäblich Körperliche – im fragil konstituierten Während verharren: „Da ist dieses unruhige Klopfen hinter den Rippenbögen als wollte sich das Herz aus seinem Käfig befreien und vom gewohnten Schlag abweichende Schwingungen in der Blutbahn entfachen. Da pocht das schlechte Gewissen im Kopf, dass sich die Schädeldecke hebt und senkt. Da steht die Psyche vor dem endgültigen Schachmatt, und ich merke, wie der feste Halt unter den Füßen wegrutscht.“ (S. 73)
Es ist, um einen prosaischeren Ton anzuschlagen, Kunst und Wissenschaft zugleich, in ebenjenem Während Halt(ung) zu wahren, nicht in das eine oder das andere Extrem abzurutschen, in welchen das „Herz“ entweder tödlich pausierte oder in die – ebenso tödliche – Hypervitalität abdriftete, folglich den Konjunktiv wahrhaftig (Präsens) werden ließe und sich aus dem Körper jener Gefäß gewordenen Membran der Augenscheinlichkeit breche, die ihm zwar als Schutz vor dem (schädlichen) Außen dient, es zeitgleich aber zum Gefangenen erklärt.
Der „Schlusszug“ ist „mal wieder […] verpennt“ (ebd.); (augenscheinlich!) harmlos und bescheiden wird das auf Gleichgewicht bedachte Innehalten verkleidet, damit „die Geier“ (ebd.) nicht zum Zuge kommen, wenn „das in der Sonne goldgelb gebratene Stückchen Mensch endgültig umfällt“ (ebd.).
Was den Artisten Hartmann auszeichnet, ist, dass seine Lektüre trotz der Balance auf schmalem Seile, nicht an Dynamik, an Wendigkeit einbüßt: „Ich entwirre die Arme, greife […] nach der mit Milchkaffee gefüllten Tasse, genehmige mir einen herzhaften Schluck, beteilige mich trotz Nichtwissen an der mittlerweile hitziger geführten Debatte und werfe als ersten Beitrag ein zaghaftes ‚Der Ackermann …‘ in die Runde. Zwei Worte, ein Feindbild, und schon bin ich als ein in der Sache Kundiger ins Gespräch integriert, was mir einen inneren Lachanfall beschert, weil mir die Zusammenhänge weiterhin verschlossen bleiben, was in diesem Spiel jedoch niemanden stört […]“ (S. 51), noch deutlicher einzusehen auf S. 60: „Gedankenverloren laufe ich weiter, schlendere am Stand mit dem Backfisch vorbei, der in ein winziges Brötchen gepresst vorne und hinten herauslugt und ziemlich heftig mit Remoulade oder Knoblauchsauce bestrichen ist, die meistens schon beim ersten Biss zuerst das Kinn begrüßt, um dann neugierig in Richtung Kleidung abzubiegen, wo das Fettige in der Regel kleben bleibt, was die Finger in der Geschwindigkeit eines zum Unfallort preschenden Rotkreuzwagens in Aktion treten lässt, dessen Besatzung dann meistens zu retten versucht, was nicht mehr zu retten ist, und in aller Regel nur für eine gewaltige Verschlimmbesserung sorgt.“
Nicht nur sein prosaisches Ich lässt Hartmann „[…] hinter den Worten her [grübeln]“ (S. 72), auch und in besonderer Weise den apperzeptiven, den sich (selbst) im Narrativ des Leseprozesses beobachtenden Leser: „Kann der Mensch etwas anderes als er selbst sein? Das Nachdenken, ob über sich selbst, andere abstrakte Dinge oder was auch immer, ist ein Prozess, für ein Organ verantwortlich ist, von dem die Wissenschaftler sagen, dass sich dieses mit sich selbst unterhalten muss, um sich und den Wirt, in den es eingebettet ist, am Leben zu erhalten.“ (S. 109).

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neu am 15. Februar 2020
eine Tanka-Tanbun-Sequenz von Gabriele Hartmann

Versuche auszuschreiten

verlangsame, verharre … sein Arm rankt um meine Schultern, hält – sein Versprechen

in der Allee
tuschelnde Birken
dass eng umschlungen
wir gehen
was geht Euch das an?

im milchigen Licht die langen Triebe gemeinen Efeus – Sinus unendlich

schon immer
– so scheint mir – war Herbst
wenn ich ihr Grab
besuchte … im Nebel
der meine Erinnerung trübt

verknotete Enden – die Geschichten, die ich erzählen könnte

und dann
hebe auch ich
die Hand
und winke
und weiß: es ist zu spät

erst: einunddreißig, Hrsg.: Dr. Tony Böhle

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neu am 15. Februar 2020

ein Haiku von Gabriele Hartmann

Eternitplatten
die Nachbarn lassen sich
scheiden

erst: Haiku-Heute, Hrsg.: Dr. Volker Friebel

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neu am 15. Februar 2020

ein Haiga von Gabriele Hartmann

mit Herzklopfen
mit Herzklopfen
zum Date … wieder geschlossen
ihr Schirm

erst: Haiku-Heute, Hrsg.: Dr. Volker Friebel

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neu am 1. Februar 2020

zwei Haiga von Gabriele Hartmann

mein altes Tagebuch
mein altes Tagebuch
Schmetterlinge
tanzen
Landeanflug
Landeanflug
urplötzlich
wird es Frühling

erst: Haiga im Focus, Hrsg. Claudia Brefeld

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neu am 28. Januar 2020
ein Buch von Gabriele Hartmann

Tanzstunde Buch


Tanzstunde
Haiku 2019 von Gabriele Hartmann
A6 quer, Ringbindung, 132 Seiten

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neu am 25. Januar 2020
ein Haiku von Gabriele Hartmann

Frühlingsluft
jenseits der Wolken
Kranichrufe

erst: Platz 3 bei Kukai24, Hrsg. Stefan Wolfschütz

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neu am 15. Januar 2020

ein Haiga von Gabriele Hartmann

ganz der Vater
ganz der Vater
die grauen Köpfe
über dem Kinderwagen

erst: Haiku-Heute, Hrsg.: Dr. Volker Friebel

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neu am 15. Januar 2020
ein Haiku von Gabriele Hartmann

stärker geworden
der Regen – in seinem Blick
ein dunkler Ton

erst: Haiku-Heute, Hrsg.: Dr. Volker Friebel

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neu am 2. Januar 2020
eine Rezension von Rüdiger Jung


tango
Gabriele Hartmann
Künstlerbuch, 98 Gendai-Haiku, Handarbeit, ca. Din A4 quer,
Haiku mal oben, mal unten zwischen 98 Blatt schwarzem Tonpapier, Buchschrauben oder Buchösen, bon-say-verlag, 2019, zu beziehen unter: info@bon-say.de

Ein bibliophiler Prachtband – aber nicht nur darum ein Fest für die Synapsen! Es begrüßt uns auf der Titelseite:

tango
hiqundwortspiel
     gabrielehartmannbon-say-verlag

und verabschiedet sich mit dem ausführlicheren Impressum auf S. 98:

tango
     engtanzhiq&11entanzwortspiel
     gepaartzueinemhybridzeitgenössischerschreibart
     allerechtegabrielehartmannbon-say-verlag
     neugierig?www.bon-say.de

Argentinien oder Finnland? Gabriele Hartmanns Alternative ist eine andere: Engtanz oder Elfentanz.

     engtanz
hiq

Zunächst einmal weckt der Engtanz erotische Assoziationen, wobei er für Worte anstrengend gerät und Lesenden durchaus einiges abverlangt. Nicht nur die Satzzeichen, auch der leere Taktschlag zwischen den Worten fehlt. Anders gesagt: ohne buchstabengenaues Lesen ist den Worten nicht beizukommen.

     warumnichtnichts (S. 6)

Natürlich klingt da der (widerlegte!) ontologische Gottesbeweis eines Anselm von Canterbury nach. Aber auch das antike Thaumazein, das Staunen als Urgrund jedweder Philosophie. Gleichsam in Psalmtonart das Folgende:

     warumsoschnellichmeinmeinleben (S. 7)

„mono no aware“ lautet das Stichwort der Japaner dafür, dass das Schöne billiger als um den Preis der Vergänglichkeit nicht zu haben ist. Leider ist der Mensch ganz und gar dabei, die Vergänglichkeit der Schöpfung extrem zu beschleunigen. Anthropozän nennt man das vom Menschen (durchaus zerstörerisch) geprägte Erdzeitalter. Gabriele Hartmann findet eine bezwingende poetische Formel dafür:

     ursuppeeinerwürztnach (S. 16)

Augen zu und durch ist beileibe nicht das Patentrezept – ganz gleich, wie sehr sich andernfalls die Trias nichts sehen, nichts hören, nichts sagen bewährt haben mag:

     dreiaffenalleshatseinensinn (S. 48)

Auch wenn dem Engtanz ein Minimalismus sprachlicher Mittel einhergeht, eignet ihm die Sprengkraft, unterschiedlichste Weltbilder durcheinanderzuwirbeln – etwa westliche Teleologie und den zyklischen Osten:

     endzeitdiekartenneugemischt (S. 56)

Die Seiten 61 bis 97 gehören dem Elfentanz:

     11entanz
wortspiel

Elfentanz kann märchenhaft geraten – man denke an die „fairy tales“! Die Elfen stehen – im Gegensatz zu den Trollen – für Leichtigkeit und Schwung. Und natürlich sind die Wortspiele als Signet eines Homo ludens nicht zu überhören. Dennoch möchte ich die Elfen gleichermaßen als Verweis auf die Zahl nehmen. Nicht umsonst beginnt der Karneval am Elften Elften um Elf Uhr Elf. Die Elf ist eine metaphysische Zahl. Die Zwölf, das Drei mal Vier von Gott und Welt‚ steht biblisch für Vollkommenheit (Beispiele: die 12 Stämme Israels, die 12 Jünger Jesu). Eins weniger, die Elf (die Jünger nach dem Wegfall von Judas)‚ stehen für das Gegenteil: die Unvollkommenheit und die Infragestellung aller Sicherheiten. Kein Elfentanz also ohne ein Moment von Narretei! Tatsächlich werden im Elfentanz Worte gegen den Strich gelesen, was freilich immer wieder tiefere Schichten aufdeckt.

     nICHts (S. 90)

ist beileibe kein Manifest des Nihilismus. Eher barocke Klage (und Mahnung) der Vanitas. Die Eitelkeit der drei Majuskeln steht vor Augen: der Mensch, der sich von seiner Umgebung, seinem Lebensraum absetzt und schlimmstenfalls beide zerstört. Ein Ich im Haiku? Warum nicht – wenn es nicht vergisst, worauf sein Leben beruht! Die Mahnung hat noch eine spezifisch christliche Variante:

     kIrCHe (S. 92)

Demut ist die Haltung, die Gott in Jesus Christus die Ehre gibt. Ganz im Sinne Johannes des Täufers: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ (Johannes 3, 30). Manchmal reicht ein Dreh in der Reihenfolge der Buchstaben, um eine ganze Theorie sinnenfällig zu machen – und obendrein in Kunst zu überführen:

     kamasuART (S. 85)

Einmal davon ausgehend, wie sehr das Kamasutra erotisch konnotiert ist, gibt das die reinste Formel dafür ab, dass sich die Kultur dem Triebverzicht (oder doch seiner Sublimierung) verdankt. Den letzten Elfentanz mag ich besonders:

     stILLstand (S. 97)

„Stillstand“ begegnet uns meistens als Problemanzeige, „ill“ als englische Vokabel verstärkt diesen Eindruck noch. Gabriele Hartmann bürstet nach guter alter Narrenart die Worte mit Elfenleichtigkeit gegen den Strich, und ich weiß: „Stillstand“ ist weder „krank“ noch „verrückt“! Pausen (auch kreative!) können so lebensnotwendig sein wie der Elfentanz als Alternative zum Engtanz!

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neu am 1. Januar 2020
zwei Haiga von Gabriele Hartmann

verschneite Dächer

verschneite Dächer
der Bücherstapel
kippt
Rauhnächte

Rauhnächte
zwischen seinen Worten
ein Geheimnis

erst: Haiga im Focus; Hrsg. Claudia Brefeld

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Und wo sind jetzt die all schönen Beiträge vor dem 1. Februar 2020?

Nun, die waren nicht mehr neu genug für Neu!

Tipp:

Alle veröffentlichten Haiga finden Sie unter :


Markt / Haiga

und alle herausgegebenen Bücher mit ihren Rezensionen unter :

Verlag / Genre / Alle

oder

Verlag / Autoren / Alle

Viel Freude beim Stöbern, Ihre Gabriele Hartmann