Neu

Was heißt denn hier Neu?

Neugierige kosten ein Appetithäppchen, Stammgäste können auf einen Blick erkennen, ob einzelne Haiku, Tanka, Haiga oder Haibun von Georges oder Gabriele Hartmann neu veröffentlicht wurden, welches neue Buch der bon-say-verlag gerade herausgegeben hat, ob schon eine Rezension erstellt wurde und vieles mehr.

Welche Veranstaltung man sich vormerken sollte, sehen Sie unter Termine.

Allerdings ist nach spätestens drei Monaten auch das Neue nicht mehr neu genug und wird aus dieser Auflistung verschwinden.

Tipps:
Öfter mal reinschauen, damit Sie nichts verpassen.

Und wenn Sie gerne weitere Haiku, Tanka und Co lesen wollen, klicken Sie unter Verlag die Buchcover an. Dort sind Leseproben und Rezensionen hinterlegt. Und alle Haiga finden Sie unter Markt.
Viel Vergnügen wünscht

Gabriele Hartmann

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neu am 15. Januar 2020
ein Haiga von Gabriele Hartmann

ganz der Vater
ganz der Vater
die grauen Köpfe
über dem Kinderwagen

erst: Haiku-Heute, Hrsg.: Dr. Volker Friebel

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neu am 15. Januar 2020
ein Haiku von Gabriele Hartmann

stärker geworden
der Regen – in seinem Blick
ein dunkler Ton

erst: Haiku-Heute, Hrsg.: Dr. Volker Friebel

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neu am 2. Januar 2020
eine Rezension von Rüdiger Jung


tango
Gabriele Hartmann
Künstlerbuch, 98 Gendai-Haiku, Handarbeit, ca. Din A4 quer,
Haiku mal oben, mal unten zwischen 98 Blatt schwarzem Tonpapier, Buchschrauben oder Buchösen, bon-say-verlag, 2019, zu beziehen unter: info@bon-say.de

Ein bibliophiler Prachtband – aber nicht nur darum ein Fest für die Synapsen! Es begrüßt uns auf der Titelseite:

tango
hiqundwortspiel
     gabrielehartmannbon-say-verlag

und verabschiedet sich mit dem ausführlicheren Impressum auf S. 98:

tango
     engtanzhiq&11entanzwortspiel
     gepaartzueinemhybridzeitgenössischerschreibart
     allerechtegabrielehartmannbon-say-verlag
     neugierig?www.bon-say.de

Argentinien oder Finnland? Gabriele Hartmanns Alternative ist eine andere: Engtanz oder Elfentanz.

     engtanz
hiq

Zunächst einmal weckt der Engtanz erotische Assoziationen, wobei er für Worte anstrengend gerät und Lesenden durchaus einiges abverlangt. Nicht nur die Satzzeichen, auch der leere Taktschlag zwischen den Worten fehlt. Anders gesagt: ohne buchstabengenaues Lesen ist den Worten nicht beizukommen.

     warumnichtnichts (S. 6)

Natürlich klingt da der (widerlegte!) ontologische Gottesbeweis eines Anselm von Canterbury nach. Aber auch das antike Thaumazein, das Staunen als Urgrund jedweder Philosophie. Gleichsam in Psalmtonart das Folgende:

     warumsoschnellichmeinmeinleben (S. 7)

„mono no aware“ lautet das Stichwort der Japaner dafür, dass das Schöne billiger als um den Preis der Vergänglichkeit nicht zu haben ist. Leider ist der Mensch ganz und gar dabei, die Vergänglichkeit der Schöpfung extrem zu beschleunigen. Anthropozän nennt man das vom Menschen (durchaus zerstörerisch) geprägte Erdzeitalter. Gabriele Hartmann findet eine bezwingende poetische Formel dafür:

     ursuppeeinerwürztnach (S. 16)

Augen zu und durch ist beileibe nicht das Patentrezept – ganz gleich, wie sehr sich andernfalls die Trias nichts sehen, nichts hören, nichts sagen bewährt haben mag:

     dreiaffenalleshatseinensinn (S. 48)

Auch wenn dem Engtanz ein Minimalismus sprachlicher Mittel einhergeht, eignet ihm die Sprengkraft, unterschiedlichste Weltbilder durcheinanderzuwirbeln – etwa westliche Teleologie und den zyklischen Osten:

     endzeitdiekartenneugemischt (S. 56)

Die Seiten 61 bis 97 gehören dem Elfentanz:

     11entanz
wortspiel

Elfentanz kann märchenhaft geraten – man denke an die „fairy tales“! Die Elfen stehen – im Gegensatz zu den Trollen – für Leichtigkeit und Schwung. Und natürlich sind die Wortspiele als Signet eines Homo ludens nicht zu überhören. Dennoch möchte ich die Elfen gleichermaßen als Verweis auf die Zahl nehmen. Nicht umsonst beginnt der Karneval am Elften Elften um Elf Uhr Elf. Die Elf ist eine metaphysische Zahl. Die Zwölf, das Drei mal Vier von Gott und Welt‚ steht biblisch für Vollkommenheit (Beispiele: die 12 Stämme Israels, die 12 Jünger Jesu). Eins weniger, die Elf (die Jünger nach dem Wegfall von Judas)‚ stehen für das Gegenteil: die Unvollkommenheit und die Infragestellung aller Sicherheiten. Kein Elfentanz also ohne ein Moment von Narretei! Tatsächlich werden im Elfentanz Worte gegen den Strich gelesen, was freilich immer wieder tiefere Schichten aufdeckt.

     nICHts (S. 90)

ist beileibe kein Manifest des Nihilismus. Eher barocke Klage (und Mahnung) der Vanitas. Die Eitelkeit der drei Majuskeln steht vor Augen: der Mensch, der sich von seiner Umgebung, seinem Lebensraum absetzt und schlimmstenfalls beide zerstört. Ein Ich im Haiku? Warum nicht – wenn es nicht vergisst, worauf sein Leben beruht! Die Mahnung hat noch eine spezifisch christliche Variante:

     kIrCHe (S. 92)

Demut ist die Haltung, die Gott in Jesus Christus die Ehre gibt. Ganz im Sinne Johannes des Täufers: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ (Johannes 3, 30). Manchmal reicht ein Dreh in der Reihenfolge der Buchstaben, um eine ganze Theorie sinnenfällig zu machen – und obendrein in Kunst zu überführen:

     kamasuART (S. 85)

Einmal davon ausgehend, wie sehr das Kamasutra erotisch konnotiert ist, gibt das die reinste Formel dafür ab, dass sich die Kultur dem Triebverzicht (oder doch seiner Sublimierung) verdankt. Den letzten Elfentanz mag ich besonders:

     stILLstand (S. 97)

„Stillstand“ begegnet uns meistens als Problemanzeige, „ill“ als englische Vokabel verstärkt diesen Eindruck noch. Gabriele Hartmann bürstet nach guter alter Narrenart die Worte mit Elfenleichtigkeit gegen den Strich, und ich weiß: „Stillstand“ ist weder „krank“ noch „verrückt“! Pausen (auch kreative!) können so lebensnotwendig sein wie der Elfentanz als Alternative zum Engtanz!

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neu am 1. Januar 2020
zwei Haiga von Gabriele Hartmann

verschneite Dächer

verschneite Dächer
der Bücherstapel
kippt
Rauhnächte

Rauhnächte
zwischen seinen Worten
ein Geheimnis

erst: Haiga im Focus; Hrsg. Claudia Brefeld

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neu am 1. Juanuar 2020
eine Rezension von Brigitte ten Brink

Volker Friebel und Gabriele Hartmann

vollendet, 6 Tan-Renga. Origami-Faltbuch. bon-say-verlag. 2020
&
Heilige Quelle, 6 Tan-Renga. Origami-Faltbuch. bon-say-verlag. 2020

Ein Origami-Faltbuch besteht aus einer DIN A4 Seite, die nach dem Bedrucken so gefaltet wird, dass ein sechs- bzw. achtseitiges (wenn die Titelseite und die Rückseite mitgezählt werden) Büchlein mit einer Höhe von 10,5 cm und einer Breite von 7,5 cm entsteht. Ein minimalistisches Format also, passend zu den sprachlich und formal minimalistischen Inhalten der Tan-Renga mit dem Haiku affinen ersten (dreizeiligen) Vers des einen und dem vom anderen Autor verfassten zweiten (zweizeiligen) Vers.

Gabriele Hartmann (GH) und Volker Friebel (VF) verstehen es hervorragend, die jeweils im ersten Vers vorgegebenen Inhalte des Partners fortzuführen und einen manchmal überraschenden, manchmal weiterführenden Gedanken im zweiten Vers hinzuzufügen. So wird der Inhalt des ersten Verses entweder direkt sprachlich durch das Aufnehmen eines Wortes aus dem ersten Vers, das nicht wiederholt wird, jedoch assoziativ in sein Umfeld gehört, oder auch rein atmosphärisch eine Stimmung aufgreifend, weitergesponnen oder aber er erhält einen neuen Aspekt.

Ist das Tan-Renga gelungen, entfaltet sich im Kopf des Lesers beim Lesen eine Geschichte.

im Stadtkanal
ein Schwarm Blätter nimmt Kurs
auf die Bibliothek

an manches Wort von ihm
denke ich noch immer

VF / GH

Bemerkenswert ist hier die Doppeldeutigkeit der „Blätter“. Deren eine Sinnvariante wird zusammen mit der „Bibliothek“ durch den Begriff „Wort“ im zweiten Vers in meiner Lesart zu einer Geschichte von Abschied und Trennung, die auch in dem zweiten Tan-Renga aus dem Büchlein „vollendet“, das hier zitiert werden soll, unterschwellig spürbar sind.

Tangoschritte
hinter der Jalousie
alte Augen

die Musik endet nicht
als er geht

GH / VF

Hat in dem Büchlein „vollendet“ hauptsächlich die Melancholie eine Heimat gefunden, so kommen in „Heilige Quelle“ noch Sehnsucht und Vergeblichkeit des Tuns und die Suche nach dem Sinn allen Geschehens hinzu.

kaue am Pinsel
der Versuch Stille zu malen
bleibt Schnee

das Radio scheppert
neue Zahlen vom Krieg

GH / VF

Nachtflug
das rhythmische Flackern
der Fernseher

navigiert durch die Zeit
Ikarus mit seinen Federn

VF / GH

Die Tan-Renga von Gabriele Hartmann und Volker Friebel sind Geschichten aus dem Leben, Geschichten über die Welt – und dies alles in fünf Zeilen.

Brigitte ten Brink

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neu am 15. Dezember 2020
ein Haiga von Gabriele Hartmann

Herbstzeitlose


Herbstzeitlose
das Dröhnen der Glocken
bei Nacht

erst: Haiku-Heute, Hrsg.: Dr. Volker Friebel

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neu am 15. Dezember 2020
zwei Haiku von Gabriele Hartmann

milchiges Licht
ein Stock betastet
die Bordsteinkante

die Milchstraße
biegen Sie jetzt
rechts ab

erst: Haiku-Heute, Hrsg.: Dr. Volker Friebel

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neu am 14.12.2019
zwei Haiku von Gabriele Hartmann

Herbstanfang
wir tunken unser Brot
in Bratenfett

alte Eiche
gewachsen noch
das Herz

erst: Sommergras 127, Dezember 2019;
Hrsg.: Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.


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neu am 14.12.2019
ein Haiga von Gabriele Hartmann

Heiliger Abend


Heiliger Abend
einer bricht
die Waffenruhe

erst: Sommergras 127, Dezember 2019;
Hrsg.: Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.


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neu am 14.12.2019
ein Haibun von Gabriele Hartmann

ALLE JAHRE WIEDER
Haibun

Die Tür zur guten Stube ist seit Stunden abgeschlossen, das Schlüsselloch zugeklebt. Geheimnisvoll knistert und raschelt es dahinter. Mutter ist nicht da. Vater sitzt am Küchentisch, vor sich einen Kurzzeitwecker, der alle 20 Minuten klingelt. Dann zieht Vater Grillhandschuhe an, öffnet die Backofentür und begießt die Gans, deren Haut sich nach und nach dunkel gebräunt hat, mit Salzwasser. Das Ticken des Weckers gliedert den späten Nachmittag in winzige Stücke, sein Klingeln verspricht, dass es nicht mehr ganz so lange dauern wird. Mein kleiner Bruder hat die Dose mit dem Spritzgebäck gefunden und macht sich darüber her. Nebenan läuft der Fernseher. Nachrichten. Vater wechselt den Standort, wir folgen ihm. Ein weinender Soldat trägt ein Kind auf seinen ausgestreckten Armen. „Ist das das Christkind? Wann kommt es denn endlich“, quengelt mein Bruder. Vater macht ein ernstes Gesicht, gibt keine Antwort. Aus der Küche quillt Rauch.
Später wird die Plätzchendose leer sein und mein Bruder sich übergeben. Mutter wird schimpfen und über Migräne klagen. Vater wird der Gans die schwarze Haut abziehen und schweigen.

Stille Nacht
der Dirigent hebt
den Taktstock

erst: Sommergras 127, Dezember 2019;
Hrsg.: Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.


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neu am 08. Dezember 2019
eine Satire von Gabriele Hartmann

DER DEAL

Den Abendbrottisch hatte er mal wieder nicht abgeräumt. Genau genommen, hatte er noch nicht einmal zu Abend gegessen, denn sein Wurstbrot lag angebissen auf dem Brettchen und vertrocknete. Sie hatten sich wieder gestritten – eigentlich um nichts. Oder doch: Es ging um seine Unordnung. Überall lägen seine Sachen herum und stets handele er eigenmächtig, würde sie nie in seine Entscheidungen einbeziehen. Seine Versprechen brechen. „Immer …“, „Nie …“, „Undankbar …“ Ein Wort gab das andere. Schließlich hatte sie sich verletzt zurückgezogen. Er blieb bockig am Tisch sitzen.
Dort hatte er einige Buchstaben entdeckt, die auf dem Spielbrett darauf warteten, dass jemand sie zu Worten fügte. Das Problem dabei war, dass es sich ausschließlich um Konsonanten handelte: „S K S B R K T“, intonierte er. Lustlos schob er die Spielsteine hin und her, ordnete sie alphabethisch: „B K K R S S T.“ Ach, da war ja noch ein „I“. Schon besser.
Die schönsten Worte, die er aus den Buchstaben bilden konnte, waren „RISS“, „BISS“ und „STIRB“.
„Ich kaufe ein „E“ und bezahle mit meinem Abendbrot“, verkündete er, denn ihm war sofort klar, dass er mit einem „E“ so schöne Worte wie „TRIEB“ und „STREIK“, „KRISE“ und „KISTE“ würde bilden können. Und auf das Abendessen konnte er nach dem ehelichen Wortgefecht getrost verzichten. Die Reste seiner Mahlzeit verschwanden auf geradezu mysteriöse Weise vom Tisch: Sie lösten sich einfach in Luft auf.
***
„Er hat angebissen“, sagte der Teufel und rieb sich die Hände. Er meinte damit die Worte – die in seinen Ohren klangen wie Musik – und den Deal.
„Abgebissen“, korrigierte seine Großmutter und meinte damit das Wurstbrot, dessen letzte Krümel sie mit der Hand zusammenkehrte und sich in den Mund schob.  Dann wischte sie ihren Kneifer an der Kittelschürze blank und beugte sich vor.
Beide starrten in die Kristallkugel. Minuten vergingen. „Luz, warum tut er nichts“, quengelte die Großmutter – nennen wir sie Hertha – schließlich ungeduldig und mit vorwurfsvoller Stimme. „Er könnte doch einem der siebeneinhalb Milliarden Menschen eines seiner Worte per SMS schicken … oder wenigstens twittern. Sein Smartphone liegt doch vor ihm auf dem Tisch.“
„Nun hab doch Geduld“, sagte der Teufel seinerseits ungeduldig und trommelte mit seinen langen Fingernägeln gegen das Glas. Seine rot unterlaufenen Augen blitzten.
***
Rollender Donner verlor sich in der Ferne. Der Abendbrottisch, an dem er noch immer saß, war nun weitgehend abgeräumt. „LIST“, dachte er und suchte vergeblich nach einem „L“. „Kauf ich“, stieß er hervor und es geschah: NICHTS. „Ach so: ich gebe dafür mein Bahnticket und … Deutschland. Er griente. Die Bahn hatte sowieso immer Verspätung und dieses Deutschland! Die waren da alle viel zu egoistisch und auf ihr Bruttoinlandsprodukt bedacht.
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 „LIST“, dachte auch der Teufel und wartete.
 „Gefährlich“, warnte Hertha. „Er könnte „LIEB“ an alle Menschen senden, Luz. Und das wär’s dann!“
 „Wart ab“, knirschte der Teufel und fixierte ein Päckchen in rotem Geschenkpapier, um das eine weiße Schleife gebunden war.
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Das „L“ ließ auf sich warten. Sein Blick fiel auf das geheimnisvolle Päckchen, das sich gerade ein Stückchen auf ihn zubewegt zu haben schien. Was da wohl drin war? Egal. „Ich will jetzt sofort ein „L“ und gebe dafür außer dem Bahnticket und Deutschland dieses rote Päckchen!“, fauchte er wütend und schlug mit der Faust auf den Tisch.
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 „Geht doch“, kommentierte der Teufel hochzufrieden, während Hertha erschrocken die Hand vor den Mund legte. „Aber Luz“, jammerte sie. „Wenn er jetzt „LIEB“ an alle sendet!“
 „Keine Panik“, beruhigte sie der Teufel. „In dem roten Päckchen befindet sich seine Seele. Und die hab jetzt ich!“ Zärtlich streichelte er über das leuchtend rote Papier und zupfte an der Schleife. „Du wirst schon sehen.“
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 „LEIB“ lag gerade auf dem Tisch und er starrte das Wort an. „Da lässt sich doch noch was Besseres draus machen“, grübelte er und erwog, weitere Buchstaben zu kaufen, obwohl die anscheinend immer teurer wurden.
 „Don, komm endlich zu Bett, gleich ist Mitternacht“, ertönte ihre Stimme von nebenan.
 „Gleich, Mel“, rief er zurück und begann, sich auf die Versöhnungsfeier zu freuen. „LEIB“ … es gab doch nichts besseres, als so einen kleinen Streit. Hin und her schob er die Buchstaben. Endlich fand er das Wort „SELBST“. Er strahlte übers ganze Gesicht und genoss das warme Gefühl, das in ihm aufstieg, als er liebevoll an sich selbst dachte.
Und dann twitterte er. Einen einzigen Buchstaben in der Weltsprache Englisch sandte er an die ganze Welt: „I“

erst: „Federsprung“, Anthologie des Autorentreffs Bad Camberg
edition federleicht

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neu am 08. Dezember 2019
ein Haibun von Gabriele Hartmann

HIEB UND STICHFEST
Haibun

Am Beckenrand sitzt Beate, die Bremse und beobachtet geduldig die vorbeischwimmenden Badegäste. Insbesondere die duftenden, hochgesteckten Haare der Frauenzimmer haben es ihr angetan.
„Lecker“, denkt Beate und sucht sich eine Vorspeise aus: Ein zierliches, brünettes Fräulein namens Greta mit blauem Haarband um den Dutt. „Sieht aus wie Tante Frieda, die Fliege“, denkt Beate, landet auf der linken Schulter des Fräuleins und beißt herzhaft hinein.
„Patsch“, klatscht die Pranke des ergrauten Dr. Feist, welcher seinem Namen alle Ehre macht, auf Fräulein Gretas nacktes Fleisch. „Sauvieh“, kommentiert er seinen Übergriff.
 „Sauvieh“, empört sich auch Fräulein Greta und meint Dr. Feist, den sie gerade kennenlernt. Vor lauter Schreck vergisst sie „Autsch“ zu sagen. Fräulein Greta, deren Schulter langsam anschwillt und Dr. Feist, der seinerseits einen alten Mückenstich mit dem Fingernagel bearbeitet, klammern sich an den Beckenrand. Die sterbende Beate zappelt vorbei.
 „Ein Stich – was für eine Symbolik“, raunt Dr. Feist Fräulein Greta ins Ohr. Aus seinem aufgekratzten Mückenstich quillt ein Blutstropfen.
 „Ich bin dann mal weg“, gibt Fräulein Greta verstört und angeekelt zur Antwort und taucht ab.
Dr. Feist stiert noch geraume Zeit auf die Stelle, an der Fräulein Gretas Frisur im Wasser verschwunden ist. „Sauvieh“, murmelt er „undankbares.“ Geistesabwesend schubst er die starre Beate vorwärts. Ein blaues Band schwebt im Wasser.
Am Beckenrand stolziert Anton, der Amselmann auf und ab. Er hat alles beobachtet und wartet geduldig, bis die mit Fräulein Gretas Blut gefüllte Leiche Beates zum Rand treibt.

Sushi –
all you can
eat

erst: „Federsprung“, Anthologie des Autorentreffs Bad Camberg
edition federleicht


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neu am 08. Dezember 2019
6 Humorgedichte von Gabriele Hartmann

FROSCHFABEL

es war einmal ein Storch
der schon an sich recht forsch

ein Frosch war auch noch da
der machte viel qua-qua

und schließlich noch ne Mücke
die tanzt zum eignen Glücke

beim Tanz der Frosch die Mück verdrückt
der Storch den Frosch am Beine pückt
doch da zu forsch sich bös verschlückt

dem Storch war alles Frosch
dem Frosch war alles Mücke
der Mück war alles Tanz
jetzt sind die drei am Schwanz


FROSCHSCHAR

ich ging in meinen Keller
da saß auf einem Teller
ein klitzekleines Fröschelein
gleich unter einer Wäschelein

das Fröschlein nahm ich in die Hand
und trug es schleunigst aus dem Stand
in meinen winzgen Gartenteich
das ist jetzt Fröscheleins Bereich

im Frühjahr war das Fröschlein fort
ein Frosch wohnt jetzt an jenem Ort
und wo ein Frosch ist auch ein zweiter
so geht die Fröscherei dort weiter

im zweiten Jahr in meinem Teich
fand ich der Frösche Fröschelaich
jetzt werdens bald schon hundert sein
ich wünscht der Frosch wär noch allein

das Froschkonzert im dritten Jahr
ist tödlich für der Frösche Schar
nehm ich ein Fröschlein in die Hand
schmeiß ich es künftig an die Wand


FROSCHLEICH

ein Frosch lutscht an nem Luftballon
er zieht und zerrt und zuppelt

er hat auch auf den Knoten schon
doch jetzt ist er betuppelt

der Luftballon lässt seine Luft
der Frosch wird immer runder

der Ball bläst weiter dieser Schuft
dann ist der Frosch ne Flunder


DAS UNTIER

dieses Stinktier hat gelogen
mit der Schlange mich betrogen

das wird dieses Schwein mir büßen
dafür werd ich ihn erschießen

oder – statt mit ihm zu brechen
könnt ich den Affen ja erstechen

stoß ich den Gockel von der Leiter
lebt er sicher auch nicht weiter

nicht dass der Fuchs am End geht stiften
ich würde ihn zu gern vergiften

jetzt bin ich fest dazu entschlossen
den Rammler einfach zu erdrosseln

ich kann die Mordlust in mir spüren
ich glaub – ich werd den Hengst verführen


DIE RACHE

ein Mann von böser Frau gefreit
erduldet still – weint manche Träne
bis einst die Hochzeit er bereut
und schmiedet Rachepläne

mit Gift oder mit Messer
und auch mit einem Schießgewehr
so denkt er gings ihm besser
wär sein Leben nicht so schwer

die Frau zankt unbekümmert weiter
der Mann notierts für später
und bleibt dabei ganz heiter
er ist ein … Schreibtischtäter


SCHICKSAL

trifft dich das Schicksal wie ein Hammer
hab Mut in deines Herzens Kammer
denn meist kommt doch am Schluss die Wende
und zwar – als dickes Ende


erst: „Federsprung“, Anthologie des Autorentreffs Bad Camberg
edition federleicht


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neu am 1. Dezember 2019
ein Haiga von Gabriele Hartmann

nach dem Fest


nach dem Fest
voller als sonst
der Mond

erst: Haiga im Focus; Hrsg. Claudia Brefeld

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neu am 1. Dezember 2019

autumnal equinox
my childs consult about
a nursing home

Herbst-Äquinoktium
meine Kinder beraten
über ein Pflegeheim

erst: European Kukai; Hrsg: Robert Kania & Krzysztof Kokot

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neu am 30. November 2019

ein Haiga von Georges Hartmann

dem Cafe au lait


Dem Café-au-lait
fehlt es entschieden an Flair.
Sehnsucht nach Paris

erst: Lotosblüte 2020; Hrsg.: Petra Sela, Österreichische Haiku Gesellschaft

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neu am 30. November 2019
5 Haiku von Georges Hartmann

Als letztes Geschenk
verströmt der gefällte Baum
süß riechendes Harz

Beim Zeltplatz am Fluss
spiegelt sich die März-Sonne
noch im Hochwasser

Nach dem Saison-Schluss
bespielt den Minigolf-Platz
ganz allein der Wind

Im stillen Burghof
liegt zwischen den Maiglöckchen
ein Keuschheitsgürtel

Die Angst wird spürbar
an den Alarmanlagen
im Wohlstandsviertel

erst: Lotosblüte 2020; Hrsg.: Petra Sela, Österreichische Haiku Gesellschaft

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neu am 30. November 2020
ein Haiga von Gabriele Hartmann

Kirschblüte


Kirschblüte
die Ärmel ihres Kimonos
rot gefüttert

erst: Lotosblüte 2020; Hrsg.: Petra Sela, Österreichische Haiku Gesellschaft

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neu am 30. November 2019

5 Haiku von Gabriele Hartmann

Morgentau
die Farben der Wüste
trocknen zu Staub

auf einer Brücke
sein Wort treibt
mit dem Strom

Zwielicht
er stellt die Figuren auf
und wartet

diesseits und jenseits
der alten Stadtmauer
das Lied der Amsel

Auffanglager
sie faltet
Kraniche

erst: Lotosblüte 2020;
Hrsg.: Petra Sela, Österreichische Haiku Gesellschaft

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neu am 30. 11. 2019

eine Rezension von Traude Veran, Wien zu

RUMOURS.
Renhai
von Rüdiger Jung und Gabriele Hartmann:

Dieses Büchlein ist ein ebenso kostbares wie winziges Stückchen Dichtung. Der aquarellierte Einband umschließt 14 Seiten im Format A6, in Blau gedruckt wie die Grundfarbe des Umschlags, dazu ein passendes Lesezeichen.

Autorin und Autor haben sich durch das Album RUMOURS von Fleetwood Mac zu einer Dichtung im Stil des Renhai inspirieren lassen. Die Band Fleetwood Mac besteht seit 50 Jahren und hat Wandlungen und Katastrophen durchgemacht; nach 35 Jahren Pause erlebt sie in der Gegenwart ein Revival. Das Album Rumours (Gerüchte), erschienen 1977, ist eine der erfolgreichsten Platten der Musikgeschichte.

Die Renhai beziehen sich auf die 11 Songs der ersten Ausgabe und als Abschluss auf den Titel der Platte. Der jeweilige der 12 Songtitel findet seinen Platz als erste Zeile des zweiten Verses. Der erste Autor verfasst sowohl den ersten (dreizeiligen) als auch die zweite Zeile des zweiten (zweizeiligen) Verses. Danach schreibt der zweite Autor den (dreizeiligen) Abschlussvers.

Dämmerung
das Auge übergibt
ans Ohr

Songbird
frei geboren

die Spur
seiner Feder
verliert sich

RJ T RJ GH

Dem tieferen Sinn des Textes und den Nuancen der Musik nachspüren, diese aufs äußerste reduzierten Verse zu erfassen, während uns der Rhythmus der Songs trägt, das führt zu einem außerordentlichen Kunsterlebnis.

erst: Lotosblüte 2020;
Hrsg.: Petra Sela, Österreichische Haiku Gesellschaft


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neu am 22. November 2019
ein Haiku von Gabriele Hartmann

Kartoffelfeuer
einer der Schatten will mich
wiedersehen

erst: Kukai24, Hrsg. Stefan Wolfschütz

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neu am 15. November 2019
Tanbun-Sequenz mit 3 Tanka

Stimmbruch


Die fremde Stadt kennt keine Gnade.
Noch vor dem Weckruf kreischt die Straßenbahn ihr Lied ins Schienennetz.


an diesem Morgen
denkt er erstmals nicht an mich
– da bin ich sicher –
und deckt den Frühstückstisch
dann doch für zwei Personen


Was nicht verbrennt wird abgeholzt.
In fetten Lettern verordnen sie der Welt unbesehen zu vertrauen.


den weißen Belag
hab ich gründlich abgewischt
von den Trauben
doch seine Zunge vermag ich
heute nicht zu lösen


Hänsel und Gretel verirrten sich im Wald.
Um ihre Kindheit gebracht skandieren sie nun freitags für ihre Zukunft.

mit Jutebeuteln
checken wir ein
verstimmt
denn auf dem Markusplatz
wurden Tauben vergiftet

erst: einunddreißig,; Hrsg.: Dr. Tony Böhle

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neu am 15. Oktober 2019
zwei Haiga von Gabriele Hartmann

Abendwolken

Abendwolken
wir lesen
zwischen den Zeilen
Blinddate

Blinddate
keiner
sagt ein Wort

erst: Haiku-Heute, Hrsg.: Dr. Volker Friebel

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neu am 15. November 2019
zwei Haiku von Gabriele Hartmann

seidige Wimpern
in den Schnee getuscht
die Spur der Amsel

Kranichrufe
unter den Wolken die Stadt
menschenleer


erst: Haiku-Heute, Hrsg.: Dr. Volker Friebel

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neu am 1. November
ein Haiga von Gabriele Hartmann

fremde Muster

fremde Muster
wir lesen in den Spuren
ihrer Gebete

erst: Haiga im Focus; Hrsg.: Claudia Brefeld
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Und wo sind jetzt die all schönen Beiträge vor dem 1. November 2019?

Nun, die waren nicht mehr neu genug für Neu!

Tipp:

Die 2019 veröffentlichten Haiga finden Sie unter :

Markt / Haiga / Haiga 2019

und die 2019 herausgegebenen Bücher mit ihren Rezensionen unter :

Verlag / Genre / Alle

oder

Verlag / Autoren / Alle

Viel Freude beim Stöbern, Ihre Gabriele Hartmann