Neu

Was heißt denn hier Neu?

Neugierige kosten ein Appetithäppchen, Stammgäste können auf einen Blick erkennen, ob einzelne Haiku, Tanka, Haiga oder Haibun von Georges oder Gabriele Hartmann neu veröffentlicht wurden, welches neue Buch der bon-say-verlag gerade herausgegeben hat, ob schon eine Rezension erstellt wurde und vieles mehr.

Welche Veranstaltung man sich vormerken sollte, sehen Sie unter Termine.

Allerdings ist nach spätestens drei Monaten auch das Neue nicht mehr neu genug und wird aus dieser Auflistung verschwinden.

Tipps:
Öfter mal reinschauen, damit Sie nichts verpassen.

Und wenn Sie gerne weitere Haiku, Tanka und Co lesen wollen, klicken Sie unter Verlag die Buchcover an. Dort sind Leseproben und Rezensionen hinterlegt. Und alle Haiga finden Sie unter Markt.

Viel Vergnügen wünscht

Gabriele Hartmann

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neu am 1. Oktober 2019
ein Haiku von Gabriele Hartmann

Abbruchkanten
der Schnee vom alten Jahr
ragt in ihr Schweigen

Platz 4 im Haiku-Wettbewerb 2019
erst: Agenda 2020; Hrsg. Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

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neu am 1. Oktober 2019
zwei Haiga von Gabriele Hartmann

nun da der Herbst naht
nun da der Herbst naht
werden sie wieder kürzer
unsre Worte

erst: Haiga im Focus; Hrsg.: Claudia Brefeld

Nacht für Nacht
Nacht für Nacht
mein Traum von Wasser
für alle Menschen

erst: Haiga im Focus; Hrsg.: Claudia Brefeld

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neu am 28. September 2019
ein Haiku von Georges Hartmann


Jetzt, da du fort bist
sind die Rosen voll erblüht
wollt’s dir noch zeigen

„Sommergras 126“
Hrsg: Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

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neu am 28. September 2019
drei Haiku von Gabriele Hartmann

nächtliche Schatten
die alte Spieluhr beginnt
wieder von vorn

Sichelmond
wir lecken
unsere Wunden

Sommernacht
wir zögern vor der letzten
Häutung

erst: „Sommergras 126“
Hrsg: Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.


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neu am 28. September 2019
zwei Tanka von Gabriele Hartmann

mein Gatte und der Wein –
er schwenkt das Glas gegens Licht
prüft die Farbe
schnuppert, kostet, schmatzt und nickt
und bietet mir – seine Lippen

stolperte ich
– als Kind – so fiel ich
kurz und leicht
heut stolpre ich noch immer
doch heute fall ich ganz

erst: „Sommergras 126“
Hrsg: Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

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neu am 28. September 2019
zwei Haiga von Gabriele Hartmann

Kranichrufe



erst: „Sommergras 126“
Hrsg: Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

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Nestflüchter



erst: „Sommergras 126“
Hrsg: Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

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am 28. September 2019
eine Rezension von Rüdiger Jung


Brigitte ten Brink und Gabriele Hartmann:
You Want It Darker

8 Renhai, inspiriert durch das gleichnamige Album von Leonard Cohen. 12 Seiten. 2019.
bon-say-verlag, Gabriele Hartmann, Ober der Jagdwiese 3, 57629 Höchstenbach. www.bon-say.de

Kein Zweifel: das letzte Album Leonhard Cohens war eines der bemerkenswertesten der letzten Jahre. Etwas Geringes haben sich die Autorinnen also keineswegs vorgenommen, als sie es zum Ausgangspunkt ihrer Renhai machten. Der Interpretationsansätze sind viele: der biographische – geht es doch um nicht weniger als das Vermächtnis Cohens. Der philosophische, theologische, zeit- oder auch kulturgeschichtliche. Weil das partnerschaftliche Lyrikwerk nicht hinter alledem verschwinden soll, möchte ich einen anderen Zugang nutzen – indem ich zwei Renhai, die mich besonders ansprechen, einer näheren Betrachtung unterziehe.

große Rochade
einer der Spieler sprengt
seine Ketten

leaving the table
stürzende Linien

das Bauernopfer
erhobenen Hauptes
abgelehnt

GH T GH BtB

Die Rochade des Königs und eines seiner Türme (je nach Entfernung kleine oder große Rochade) kann eine Sicherheitsmaßnahme im Schach sein, Winkelzug auf dem Weg zu einer sicheren Verteidigungsbastion. Die Dichtung legt eher Offensiv-Werden nahe, ein Entkommen aus der Lähmung: „einer der Spieler sprengt / seine Ketten“. Der Mittelteil „leaving the table / stürzende Linien“ lenkt die Gedanken eher in Richtung Kapitulation. Mit welch einer Würde aber vollzieht diese der Schluss: „das Bauernopfer / erhobenen Hauptes / abgelehnt“. Das „Bauernopfer“ kann die Niederlage vermutlich nicht verhindern, allenfalls herauszögern. Der König, der das „abgelehnt“ hat, tat es mit vollem Recht „erhobenen Hauptes“. Genau diese Art von Oberbefehlshabern ist, historisch gesprochen, Mangelware Nummer eins.

zu Asche, zu Staub
neben der Haltestelle
sammeln sich Kippen

traveling light
wir zählen Sternschnuppen

im Gepäck
zu viele Wünsche und die
alte Gitarre

GH T GH BtB

Die „Haltestelle“ ist kein schlechter Ort – für Innehalten, Meditation, Metaphysik. Noch der jämmerlichste Zigarettenstummel kann zum Signet werden für das biblische „Erde zu Erde“. „traveling light“ ist demnach die Conditio humana – auf der Suche nach Glück. Der „Wünsche“ sind leider immer wieder sehr viel mehr als „Sternschnuppen“.  Sei’s drum, so lange sie noch spielt: „die alte Gitarre“!

Rüdiger Jung in „Sommergras 126“
Hrsg: Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

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neu am 28. September 2019
ein Haibun von Gabriele Hartmann


Ein Stück Himmel
Haibun

Briefmarken. Ein ganzer Karton voll. Rund um die ausgeschnittenen Marken ein schmaler Rand. Auf der Rückseite ein Stück Himmel. Wolkenlos. Irgendwo im Süden. Wer ihm wohl all die Ansichtskarten geschrieben hat?

Vater hat einen Wasserkessel aufgesetzt und dessen Flöte abgenommen. Mit einer Pinzette hält er die Ausschnitte in den Dampf. Die abgelösten Marken legt er mit dem Bild nach unten auf ein Trockentuch und streicht glättend – fast zärtlich – mit einem Finger darüber. Später wird er sie – wieder mit der Pinzette – in dicke Alben einsortieren, die Reste im Ofen verbrennen.

Einmal wollte ich Vater helfen. Er war noch auf der Arbeit und ich würde ihn überraschen. Also warf ich eine Handvoll Briefmarken in heißes Wasser, fischte sie wieder raus und zupfte sie vom Karton. Zu ungeduldig, denn einige blieben hängen und Zacken rissen ab. Und ich wunderte mich: Unter manchen Marken verborgen stand in winzigen Buchstaben „i. l. d.“.

Als Vater heimkam, freute er sich nicht. Er presste die Lippen aufeinander, warf die ganze Bescherung ins Feuer und verschloss den Karton mit den übrigen Marken in einer Schublade. Den Schlüssel befestigte er an seinem Bund. Wir haben nie darüber gesprochen.

Ich halte Vaters letzten Brief in der Hand, beklebt mit einer Reihe bunter Briefmarken aus einem Land im Süden. Seite um Seite beschreibt er seinen Alltag, seine Freuden, sein Glück. „Den Umschlag heb mir bitte auf, i. l. d.“

geheime Zeichen
hinterm Horizont
ein Leuchten

erst: „Sommergras 126“
Hrsg: Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.


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neu am 15. September 2019
ein Haiga von Gabriele Hartmann

Herbstleuchten

Herbstleuchten
Blätter nehmen
die Wellen mit

erst: Haiku-Heute, Hrsg.: Dr. Volker Friebel

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neu am 1. September 2019
neun Haiku von Georges Hartmann

Morgendämmerung
Das helle Lied der Amsel
lässt mich nicht mehr los

Das kleine Pappschild
an der Tür zum Eis-Salon
schimmert im Herbstlicht.

Das rostige Gleis,
Spielplatz meiner Kindheit,
wird heut abgeräumt.

Was ich gern wüsste …
ob der Einsiedler vom Berg
das Leben begreift?

Schon wegen der Schrift 
hüt ich mein altes Schulheft 
als wär’s ein Kleinod.

Den alten Ahorn
haben sie gestern gefällt
mir den Herbst geraubt.

Weißt du noch … damals?
Die Stille über dem Grab
entführt mich der Welt.

Draußen schneit’s wieder.
Er liest die Unterschriften
auf dem Gipsbein.

Nach der französischen Grenze
die Melodie
des Asphalts.

SCHREIBTISCH. Literarisches Journal 2019
Hrsg. Karina Lotz, Verlag edition federleicht, FFM.

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neu am 1. September 2019

Georges Hartmann
In die Trotzecke zurück
gedankliche Kurzprosa

Vom Auf und Ab des Alltags ausgezehrt, bin ich in der seit unserem letzten Beisammensein vergangenen Zeit wie ein Schiffbrüchiger herumgegurkt und habe nach Schlupflöchern gesucht, die ich jedoch nicht fand. Habe dann mit mir selbst gehadert und Ziele für das kommende Jahr definiert, diese dann mehrfach nachgebessert, am Ende jedoch alle verworfen. Wieder von vorne angefangen, mich gequält und gehasst, den grünen Zweig gesucht, auf den man gemeinhin kommen sollte, diesen aber immer wieder selbst abgesägt, dem Zorn freien Lauf gelassen, dann mal wieder die Falschen in den Senkel gestellt, Reue gezeigt und erfahren, dass man vor der Absolution eines größeren Bußgangs bedürfe. Mich dann folgerichtig über den „Lieben Gott“ geärgert, der wohl in einem Anfall von Langweile an seiner Programmierung herum gebastelt haben muss und dabei jenes „Urknällchen“ auslöste, über das er – wie bei allen davor liegenden Programmier-Bugs auch – einmal mehr den Mantel des Schweigens ausbreitete, statt den verfahrenen Karren aus dem Dreck zu ziehen. Was soll man von so einem Kerl (oder war’s vielleicht doch eher ein feinstoffliches Wesen, also eher eine jener Blondinen, denen man dergleichen – ohne lang zu diskutieren – sofort zutraut?) halten, der was vermasselt und sich dann bis zur nächsten Ewigkeit in die Trotzecke zurück zieht, den Dingen einfach ihren Lauf lassend, statt es nochmals mit dem Paradies zu versuchen, das er nach dem ersten vergeigten Versuch offenbar ebenfalls im heiligen Zorn zu den Akten gelegt hat?

aus SCHNECKENTEMPO von Georges Hartmann, bon-say-verlag

jetzt auch in SCHREIBTISCH. Literarisches Journal 2019
Hrsg. Karina Lotz, Verlag edition federleicht, FFM.

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neu am 1. September 2019


Georges Hartmann
Schafe sind vielleicht Seelen
gedankliche Kurzprosa

Kann der Mensch etwas anderes als er selbst sein? Das Nachdenken – ob über sich selbst, andere, abstrakte Dinge oder was auch immer – ist ein Prozess, für den ein Organ verantwortlich ist, von dem die Wissenschaftler sagen, dass sich dieses mit sich selbst unterhalten muss, um sich und den Wirt in welchem es eingebettet ist, am Leben zu erhalten. Das „SELBST“ ist insoweit etwas Irreales, weil es nichts weiter als eine Definition der sich ohne Unterbrechung allein um sich selbst drehenden Gehirntätigkeit ist. Die grauen Zellen erklären sich unter vielen anderen Dingen, wer sie angeblich sind. Das „ICH“ ist demnach nichts weiter, als eine Projektion, was ich heute als Arbeitshypothese zur Beantwortung der eingangs gestellten Frage favorisiere. Denkbar ist, dass der auf den Namen Georges hörende Apparat, möglicherweise noch von etwas umkreist wird – vom Gehirn als Seele bezeichnet – die vielleicht jenes „ICH“ ausmacht, dass vom Gehirn als „SELBST“ definiert wird, was dann aber ebenfalls nur ein Gedanke der grauen Zellen ist, die unter Umständen lediglich eine Ahnung von etwas haben, das ihnen übergeordnet sein könnte, ein Gedanke, der dem Gehirn schwer zu schaffen macht, weil die Einzigartigkeit sämtlicher Gehirnmasse dann ja viel weniger als der Bruchteil der Seele wäre.

Ist das Beneidenswerte am Schaf die Begrenztheit der ihm über das Schafsgehirn zu Gebote stehenden Möglichkeiten?

„Schafe sind vielleicht Seelen“, denkt das Gehirn unter der Schädeldecke, das sich in diesem Moment ganz entschieden nach dem Geruch eines Schafs sehnt, sich in dessen Wolle kuscheln und nur noch fühlen möchte, um nicht mehr nachdenken zu müssen.

aus SCHNECKENTEMPO von Georges Hartmann, bon-say-verlag

jetzt auch in SCHREIBTISCH. Literarisches Journal 2019
Hrsg. Karina Lotz, Verlag edition federleicht, FFM.

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neu am 1. September 2019

Georges Hartmann
SCHNECKENTEMPO
Rezension Dana Polz

Von Geschwindigkeiten kleiner Tiere und mehr als nur „Gedankensplittern“

„Die einen kramen … in ihren Erinnerungen und wissen plötzlich, dass früher alles besser war, während andere die Zukunft beschwören oder sich an Planungen ergötzen, als wären sie gerade erst volljährig geworden. Die Wahrheit liegt – wie bei so vielen Dingen – höchstwahrscheinlich zwischen den Extremen und ist selten spannend.“ (S. 9)

Es sind Sätze wie diese, die – das sei vorweg geschrieben – den Reiz dieses 128 Seiten schlanken Büchleins ausmachen: leise Sätze, (er)nüchtern(d)e Sätze, berauschend kluge Sätze. Berauschend klug?!, würde manch einer nun empört ausrufen. Was soll das denn heißen, berauschend klug?! – Subjektiv, darf man durchaus einwenden; jeder berauscht sich an anderem, und jeder findet anderes klug.

Berauschend klug kann sein, wenn ein Autor der Leserseele mit wenigen Worten ein Ja! entlockt. Der Leserseele – oder was es auch immer ist, das da scheppert im Inneren, fühlt sich der Linienbus wie so oft in der Pflicht, sich mit Schlaglöchern zu duellieren. „Es ist überhaupt so eine Sache mit den ganzen Verpflichtungen, die man im Leben eingeht …“, schreibt Hartmann auf Seite 11. Und weiter: „Zwischendurch hat man so ziemlich von allem den Hals voll und träumt davon, mal in eine andere Haut schlüpfen zu können, um dann z.B. zwei Tage lang morgens früh in einem japanischen Kloster, statt im Büro aufzuwachen, oder mal ein Star zu sein, um den sich alle reißen oder, oder …“

Über unbehandelte Möglichkeiten zu phantasieren, die Möglichkeiten: euphorisierend unzählbar – desillusionierend ungenutzt; wurzelt darin nicht jener manisch-depressive Charakter, der jeglichen Lebenslauf so manches Mal beschleunigt, so manches Mal ausbremst? Ja! – befindet im Mindesten (m)eine Leserseele. Schneckentempo ist stille, ist intensive Prosa, an einer Stelle bestechend charmant, „flirte[t]“ das lyrische Ich „… mit einer noch jungfräulich auf dem Küchentisch liegenden Tafelschokolade“, welche es „an diesem lausigen Sommertag entweder an Ort und Stelle vernaschen oder auf die Couch entführen könnte, um sie dort genussvoll aus der Verpackung zu schälen“ (S. 31), an anderer erheiternd offen, sinniert es „in einem Anfall überschnappender Heiterkeit“ darüber, „wie das so wäre“, würde es sich „justament einen runterholen“ – „eine Vorstellung, die dem Herzkasper einen zusätzlichen Schub verpasst […]“. (S. 49)

Das lyrische Ich, es resigniert vor der Einsicht, in diesem Leben nicht mehr allzu einsichtig zu werden. „So stelle ich ein bisschen Phantasie neben die Realität, träume vor mich hin, merke, dass nach den paar Buchstaben schon wieder eine halbe Stunde vergangen ist … Der Garten und die Briefe? Morgen ist auch noch ein Tag.“ (S. 11 f.)

Dem alltäglichen Wahnsinn entfliehen – von dem wir uns ein bisschen mehr Wahnsinn erhoffen. „Es ist die klare Konturen annehmende Gewissheit im Spielball der Kräfte wieder einmal zu unterliegen.“ (S. 56 f.) Nicht nur brilliert Hartmann mit einer nahezu luftröhrenabschnürenden Leb-, ja, Wahrhaftigkeit; seine sinnliche Sprache ist es, die vollends überzeugt, die sich nicht verliert in ihrer Sinnlichkeit, die sinnlich sein kann, ohne den Leser an Zuckerschock verenden zu lassen. „Unter den Birken sitzen, den Geruch der gerade gemähten Wiese einatmen und vom Herbst träumen. Meine Blicke verlieren sich im Grün der Büsche und im Gewirr des auf dem winzigen Nutzbeet wuchernden Allerleis, an dem sich die Bienen gütlich tun.“ (S. 63) oder: „Die Trägheit übermannt mich, die Gedanken laufen ineinander und bilden einen bunten Strom, auf dem ich in eine andere Welt geschwemmt werde. Ich nutze die Suggestionskraft der eigenen Vorstellungen und überlege, warum ich nicht in einer Bergbauernfamilie zur Welt gekommen bin. Im selben Atemzug bedaure ich dieser und anderer Fragen und grinse leicht verlegen in mich hinein.“ (S. 65)

Ausweglosigkeit um der Ausweglosigkeit Willen: sich im Leben – wie im Lesen – einem Schmerz hingeben, der sich nicht anbiedert, der nicht in Bedeutungslosigkeit, nicht ins Lächerliche abdriften lässt.

Alles ist vergebens, aber nichts ist umsonst – in Schneckentempo.

Dana Polz

Die Rezension jetzt auch in SCHREIBTISCH. Literarisches Journal 2019
Hrsg. Karina Lotz, Verlag edition federleicht, FFM.


neu am 1. September 2019
ein Haiga von Gabriele Hartmann

Tangovariationen



SCHREIBTISCH. Literarisches Journal 2019
Hrsg. Karina Lotz, Verlag edition federleicht, FFM.

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neu am 1. September 2019
neun Haiku von Gabriele Hartmann

Kinderstimmen
die Schatten von Magnolien
und Amseln – gleich schwarz

Schokoladeneis
ein Zipfel des Taschentuchs
mit Mutters Spucke

Novembermorgen
hinter Milchglasscheiben
nackte Stimmen

am alten Spielplatz
gleich schwer – ein Eulenschrei
und der Mond

Herbstlicht
woran werden wir uns morgen
erinnern

über dem Nebel
das Schloss – Vater will wissen
wer ich bin

Klassentreffen
die vertrauten Stimmen
der Fremden

wieder zu Hause
die langen Triebe
der Zwiebeln

vollendet …
ich signiere
die Nachtluft

SCHREIBTISCH. Literarisches Journal 2019
Hrsg. Karina Lotz, Verlag edition federleicht, FFM.

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neu am 1. September 2019
Tanbun-Sequenz von Gabriele Hartmann


Gabriele Hartmann
Schrecksekunde
Tanbun-Sequenz

A3 Fahrbahn Autos Schatten Stau Worte Zähne Nägel Fleisch Blut A B S – Adrenalin Blicke Schweigen A3

Schuld
sind wieder mal
die Anderen

– – –

Mondphasenbäume verspricht der Verkäufer werden so geschlagen dass sie 4 Wochen nicht nadeln

Drehorgelspiel
tief in unseren Taschen
die Hände

– – –

die Kamera läuft in der Pause weiter der Kommissar wird hernach prüfen wer zur Toilette ging

Spannung
die Leinwand schnurrt
zusammen


SCHREIBTISCH.
Literarisches Journal 2019
Hrsg. Karina Lotz, Verlag edition federleicht, FFM.

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neu am 1. September 2019
zwei Märchen-Rengay von
Brigitte ten Brink und Gabriele Hartmann


Brigitte ten Brink und Gabriele Hartmann
lockende Stimmen
Märchen-Rengay

im Feuerzeugschein
die Augen des Hundes
tellergroß

der Mond heut Nacht
in Milch getaucht

zu spät bemerkt
Spuren von Stiefelwichse
auf dem weißen Kleid

noch sieben Meilen
Welcome to the Hotel
California

lockende Stimmen
laden zum Fest

niemand achtet
den Glockenschlag – zwei Ringe
aus flüssigem Blei

Brigitte ten Brink 1, 3, 5
Gabriele Hartmann 2, 4, 6


Brigitte ten Brink und Gabriele Hartmann
entlarvt
Märchen-Rengay

verlorene Spur
aus der Gänsefeder fließt
„d a m a l s …“

im Dämmerlicht Hufschläge
ein fremder Reiter vorm Haus

zitternd …
in ihrer Hand die Schachtel
mit den Zündhölzern

auf dem Küchentisch
das Abendessen
unberührt

Himmel und Erde
durch Mauern getrennt

entlarvt
am Ende dieser Nacht
Unrecht gestehen

Gabriele Hartmann 1, 3, 5
Brigitte ten Brink 2, 4, 6


SCHREIBTISCH. Literarisches Journal 2019
Hrsg. Karina Lotz, Verlag edition federleicht, FFM.

neu am 1. September 2019
Der Wunschgeist
(ein Märchen) von Gabriele Hartmann in

SCHREIBTISCH. Literarisches Journal 2019
Hrsg. Karina Lotz, Verlag edition federleicht, FFM.

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neu am 1. September 2019
ein Haiku von Gabriele Hartmann

der erste Kuss …
nach wilder Minze
roch dein Atem

kukai24, 2. September 2019, Hrsg. Stephan Wolfschütz
Thema: „Neuland“

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neu am 15. August 2019
ein Tanka von Gabriele Hartmann


den kostbaren Slip
aus nachtblauer Seide
trage ich nun
seiner flachen Nähte wegen
beim Fahrradfahren

erst: www.einunddreißig.net; Hrsg.: Dr. Tony Böhle

am 15. August 2019
eine Rezension von Rüdiger Jung

Sand in der Uhr bin auch ich

„Sand in der Uhr bin auch ich“, Gabriele Hartmann, 22 Tanka
handgearbeitetes Künstlerbuch, 15 x 15 cm, 24 Seiten, dazwischen 22 Fotos auf Tonpapier, Hutgummi, 2019. Einzelanfertigung auf Bestellung!

Rezension Rüdiger Jung

Das wechselseitige Zwiegespräch von Lyrik und Bildender Kunst hat eine lange Tradition, deren Wege und Erscheinungsformen Prof. Gisbert Kranz in seinen Standardwerken zum Thema eindrücklich erfasst und protokolliert hat.

Im „Bildgespräch“ der Kölner / New Yorker Autorin Margot Scharpenberg hat diese literarische Form ihre besondere Zuspitzung erfahren. Solchem „Bildgespräch“ ist auch die fernöstliche Kunst offen – und reizt hier natürlich besonders zum Kurzgedicht nach japanischem Vorbild. Gabriele Hartmann hat sich der Herausforderung durch die Holzschnitte Kyoshi Hasegawas gestellt – in 22 Tanka‚ deren buchstäbliches Zwiegespräch ein so bemerkenswertes Resultat gezeitigt hat, dass ich zum Lob ein so altes wie kostbares Wort bemühen muss: ein Kleinod! Das Tanka ist als Gedichtgattung kurz und konzentriert und hat gleichwohl dem Haiku gegenüber, das an-deutet, etwas an-reißt, jenen längeren Atem, der eine Stimmung, eine Atmosphäre ausschwingen lässt. Unwillkürlich erweitern westliche Literatur, aber auch Bildende Kunst die Konnotationshöfe dieser eindrücklichen Wort-Bild-Begegnungen. Das Bild zu Seite 1 (den paginierten Textseiten steht jeweils eine unpaginierte Seite mit der Reproduktion des Kunstwerks gegenüber) lässt an Günter Eich denken („wo ich wohne“). Füchsin und Fuchs sind gleichermaßen Fascinans (S. 4) und Tremendum (S. 9) – im letztgenannten Fall könnte die Erinnerung an Henri Boscos „Esel mit der Samthose“ wach werden. Dicht auf den F/Versen der Bilder umspielen die Tanka der Seiten 10 und 11 die These vom Homo ludens. Gegenüber Seite 18 wird die Reminiszenz zu van Gogh greifbar, gegenüber Seite 7 jene zu so unterschiedlichen Protagonisten der Kunstgeschichte wie Vermeer‚ Magritte, M. C. Escher. Text und Bild teilen da eine klaustrophobische Stimmung:

am Seidenfaden
hängend übte ich fliegen
sah ich doch
in einer Kugel das Fenster
aber ach – es ist geschlossen (S. 7)

Der Buchtitel ist jener Anmutung von Wehmut und Verletzlichkeit nahe, die der japanischen Poesie seit ihren Anfängen eingeschrieben ist; passend dazu ein Notat der Vergänglichkeit:

wie üppig doch
Blüten borden des Nachts
im Sake-Traum
und wie sie welken
bleich am Morgen (S. 8)

In geradezu biblischer Manier wird der Vergänglichkeit des Menschen aber auch ein zumindest ansatzweise positives Attribut zugesprochen – jenes nämlich der ausgleichenden Gerechtigkeit:

im Schatten von Schloss
und Kirche spielten wir einst
mit den Kindern
der Herrschaft und werden einst
mit ihnen dort begraben (S. 13)

„einst“ – spiegelbildlich am Ende der zweiten wie der zweitletzten Zeile – könnte den Zug der Endlichkeit schon relativieren: indem es zu beidem, zur Vergangenheit (Zeile 2) wie zur Zukunft (Zeile 4) die Verbindung herzustellen vermag. Tatsächlich erschleicht sich in den Texten die zyklische Wahrnehmung der Zeit das Vorrecht gegenüber der linearen:

schließt sich der Kreis
von werden und Vergehen
ums andre Mal
dreh ich die Sanduhr um
und lausch dem Spott der Drossel (S. 2)

Ein Taschenspieler-Trick, den „der Spott der Drossel“ bloß stellt? Nicht unbedingt! Die Autorin jedenfalls bleibt sich treu, indem sie dem möglichen linearen Schluss (“erst oben, dann unten“) den iterativen, zyklischen vorzieht:

wie die Rose blüht
und welkt, so welkt
die Zeit und blüht
wie der Sand in der Uhr
bin auch ich – mal oben, mal unten (S. 12)

Der Chiasmus der ersten drei Zeilen hat den Aufstand, den Tabu-Bruch gegen die dräuende Macht der Sanduhr als barocker Vanitas schon eingeleitet: das leise, winzige „mal“ fordert die Ewigkeit! Ein Hintergrund, der die Resilienz auf S. 18 fassbarer macht:

der Mensch
zwischen Himmel und Erde
gestutzt
wie jene Ulme
grünt Jahr für Jahr aufs neu

Da nimmt es auch nicht mehr Wunder, dass da, wo eigentlich das Kalkül, die Determination die Oberhand hat, plötzlich die Freiheit diese für sich in Anspruch nimmt:

am Ende
kannte ich alle
Bauern und König
und sang nach jedem Glas
ihr Lied von der Freiheit (S. 10)

Wo das Haiku vielleicht einen spröden Kuss zulässt, taugt ein Tanka schon zur innigen Umarmung. Die Liebesgedichte unter den Tanka Gabriele Hartmanns – präzise und genau wie die übrigen Texte – wollte ich nicht missen:

das Universum
in einer Hutschachtel
navigiere ich
durch ein Wurmloch
meine Gedanken zu dir

Das „Wurmloch“ despektierlich zu lesen – im Blick auf den Minimalismus – ginge fehl. Reicht doch die kleine fünfzeilige und in ihrem Ursprung 31-silbige Form vollkommen aus, aller Ambivalenz Raum zu geben:

ich wünschte mir

die Sterne vom Himmel
holte sie dir herab …
langsam wird es eng
in meinem Schneckenhaus (S. 6)

Ständig schweift mein Blick beim Lesen dieses Buches vom Bild zum Text zum Bild zum Text … wenn das nicht Beleg genug ist – für ein gelungenes‚ den Leser/Betrachter einbeziehendes, faszinierendes Zwiegespräch!

Rüdiger Jung

vorstehende Rezension „Sand in der Uhr…“  

am 15. August  2019 auf
www.einunddreißig.net; Hrsg.: Dr. Tony Böhle


und am 28. September 2019 in Sommergras 126, Hrsg. Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

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neu am 1. August 2019
ein Haiga von Gabriele Hartmann

Patchwork

Und wo sind jetzt die all schönen Beiträge vor dem 1. August 2019?

Nun, die waren nicht mehr neu genug für Neu!

Tipp:

Die 2019 veröffentlichten Haiga finden Sie unter :

Markt / Haiga / Haiga 2019

und die 2019 herausgegebenen Bücher mit ihren Rezensionen unter :

Verlag / Genre / Alle

oder

Verlag / Autoren / Alle

Viel Freude beim Stöbern, Ihre Gabriele Hartmann