Neu

Was heißt denn hier Neu?

Neugierige kosten ein Appetithäppchen, Stammgäste können auf einen Blick erkennen, ob einzelne Haiku, Tanka, Haiga oder Haibun von Georges oder Gabriele Hartmann neu veröffentlicht wurden, welches neue Buch der bon-say-verlag gerade herausgegeben hat, ob schon eine Rezension erstellt wurde und vieles mehr.

Welche Veranstaltung man sich vormerken sollte, sehen Sie unter Termine.

Allerdings ist nach spätestens drei Monaten auch das Neue nicht mehr neu genug und wird aus dieser Auflistung verschwinden.

Tipps:
Öfter mal reinschauen, damit Sie nichts verpassen.

Und wenn Sie gerne weitere Haiku, Tanka und Co lesen wollen, klicken Sie unter Verlag die Buchcover an. Dort sind Leseproben und Rezensionen hinterlegt. Und alle Haiga finden Sie unter Markt.

Viel Vergnügen wünscht

Gabriele Hartmann

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neu am 15. August 2019
ein Tanka von Gabriele Hartmann


den kostbaren Slip
aus nachtblauer Seide
trage ich nun
seiner flachen Nähte wegen
beim Fahrradfahren

erst: www.einunddreißig.net; Hrsg.: Dr. Tony Böhle

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neu am 1. August 2019
ein Haiga von Gabriele Hartmann

Patchwork

Patchwork
die Kinder vom anderen Stern
werden vorgestellt

erst: „Haiga im Focus“; Hrsg.: Claudia Brefeld

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neu am 29. Juli 2019
ein Haiku von Gabriele Hartmann

Sommermond
wir lassen das Leben
hungern

kukai24, Juli 2019, Hrsg. Stephan Wolfschütz
Thema: „Müßiggang“

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neu am 22. Juli 2019
Buch „Paarungszeit“ von Gabriele Hartmann

Paarungszeit
142 Haiku, die jeweils 2018 veröffentlich wurden
2019, Ringbindung, A6 quer, 148 Seiten, 11,50 €

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neu am 15. Juli 2019
zwei Haiku und ein Haiga von Gabriele Hartmann

der tiefe Brunnen
was wir nicht alles
wissen wollten

erst: „http://haiku-heute.de/“,  15. Juli 2019; Hrsg. Dr. Volker Friebel
Platz 6 beim Haiku-Wettbewerb 2019

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Autobiografie
die Innenseite seiner Hände
feucht

erst: „http://haiku-heute.de/“,  15. Juli 2019; Hrsg. Dr. Volker Friebel

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Familientreffen

Familientreffen
die neue Frau
hört zu

erst: „http://haiku-heute.de/“,  15. Juli 2019; Hrsg. Dr. Volker Friebel

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neu am 14. Juli 2019
eine Rezension von Rüdiger Jung

Brigitte ten Brink und Gabriele Hartmann:
You Want It Darker (Renhai)

Kein Zweifel: das letzte Album Leonhard Cohens war eines der bemerkenswertesten der letzten Jahre. Etwas Geringes haben sich die Autorinnen also keineswegs vorgenommen, als sie es zum Ausgangspunkt ihrer Renhai machten. Der Interpretationsansätze sind viele: der biographische – geht es doch um nicht weniger als das Vermächtnis Cohens. Der philosophische, theologische, zeit- oder auch kulturgeschichtliche. Weil das partnerschaftliche Lyrikwerk nicht hinter alledem verschwinden soll, möchte ich einen anderen Zugang nutzen – indem ich zwei Renhai, die mich besonders ansprechen, einer näheren Betrachtung unterziehe.

große Rochade
einer der Spieler sprengt
seine Ketten

leaving the table
stürzende Linien

das Bauernopfer
erhobenen Hauptes
abgelehnt

GH T GH BtB

Die Rochade des Königs und eines seiner Türme (je nach Entfernung kleine oder große Rochade) kann eine Sicherheitsmaßnahme im Schach sein, Winkelzug auf dem Weg zu einer sicheren Verteidigungsbastion. Die Dichtung legt eher Offensiv-Werden nahe, ein Entkommen aus der Lähmung: „einer der Spieler sprengt / seine Ketten“. Der Mittelteil „leaving the table / stürzende Linien“ lenkt die Gedanken eher in Richtung Kapitulation. Mit welch einer Würde aber vollzieht diese der Schluss: „das Bauernopfer / erhobenen Hauptes / abgelehnt“. Das „Bauernopfer“ kann die Niederlage vermutlich nicht verhindern, allenfalls herauszögern. Der König, der das „abgelehnt“ hat, tat es mit vollem Recht „erhobenen Hauptes“. Genau diese Art von Oberbefehlshabern ist, historisch gesprochen, Mangelware Nummer eins!

zu Asche, zu Staub
neben der Haltestelle
sammeln sich Kippen

traveling light
wir zählen Sternschnuppen

im Gepäck
zu viele Wünsche und die
alte Gitarre

GH T GH BtB

Die „Haltestelle“ ist kein schlechter Ort – für Innehalten, Meditation, Metaphysik. Noch der jämmerlichste Zigarettenstummel kann zum Signet werden für das biblische „Erde zu Erde“. „traveling light“ ist demnach die Conditio humana – auf der Suche nach Glück. Der „Wünsche“ sind leider immer wieder sehr viel mehr als „Sternschnuppen“.  Sei’s drum, so lange sie noch spielt: „die alte Gitarre“!

Rüdiger Jung

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neu am 1. Juli 2019
„You Want It Darker“

Renhai
Brigitte ten Brink und Gabriele Hartmann
handgearbeitetes Miniaturbuch mit Lesezeichen, A6, 12 Seiten

you want it darker

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neu am 1. Juli 2019

Christof Blumentrath
„You Want It Darker“
Rezension

Am Ende einer fast 50 Jahre andauernden Karriere als Musiker erschien im Herbst 2016, drei Wochen vor seinem Tod, das letzte Album von Leonard Cohen: „You Want It Darker“.
Inspiriert durch die Songtitel dieses besonderen Albums schreiben Brigitte ten Brink und Gabriele Hartmann, ein im gemeinsamen Schreiben eingespieltes Team, zum wiederholten Lesen anstiftende Renhai. Immer wieder gelingen den beiden Autorinnen unerwartete Wendungen, abermals ist man verblüfft, wohin die gedankliche Reise geht. Ist das Renhai an sich ja bereits eine durch seine Schreib-Abfolge außergewöhnliche Herausforderung an die – in der Regel – zwei Autoren, so meistern diese beiden Dichterinnen diese Aufgabe scheinbar mühelos. Bemerkenswert insbesondere gelingt es ihnen, die immer wiederkehrenden Elemente der Melancholie und Dunkelheit, welche den Liedern Cohens anhaften, in ihren Versen anklingen zu lassen, ohne jedoch dem Ganzen ein Übermaß an Schwere zu verleihen. Vortrefflich halten sie die Balance zwischen Licht und Schatten, Leichtigkeit und Tiefgang.

Der Künstler Cohen, sowohl Musiker als auch Poet, hätte sicher seine Freude gehabt an dieser sehr persönlichen Art Hommage, als die ich dieses liebevoll gemachte Büchlein sehe.


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neu am 1. Juli 2019
ein Haiku von Gabriele Hartmann


vor dem Gipfel
die kleine Schnecke – behutsam
schiebe ich sie an


Platz 3 bei kukai24, Juni 2019, Hrsg. Stephan Wolfschütz
Thema: „Mitgefühl“

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neu am 1. Juli 2019
zwei Haiga von Gabriele Hartmann

zwischen den Ufern

zwischen den Ufern
mit jedem Ruderschlag tiefer
unsere Erinnerung

erst: „Haiga im Focus“; Hrsg.: Claudia Brefeld

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feindliche Brüder

feindliche Brüder
die Augen
vom gleichen Blau

erst: „Haiga im Focus“; Hrsg.: Claudia Brefeld

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neu am 18. Juni 2019
eine Rezension von Traude Veran

Rumours

Rüdiger Jung und Gabriele Hartmann:
RUMOURS. Renhai. Handgearbeitetes Miniaturbuch mit Lesezeichen. 2019

Rezension Traude Veran


Dieses Büchlein ist ein ebenso kostbares wie winziges Stückchen Dichtung. Der aquarellierte Einband umschließt 14 Seiten im Format A6, in Blau gedruckt wie die Grundfarbe des Umschlags, dazu ein passendes Lesezeichen.

Autorin und Autor haben sich durch das Album RUMOURS von Fleetwood Mac zu einer Dichtung im Stil des Renhai inspirieren lassen. Die Band Fleetwood Mac besteht seit 50 Jahren und hat Wandlungen und Katastrophen durchgemacht; nach 35 Jahren Pause erlebt sie in der Gegenwart ein Revival. Das Album Rumours (Gerüchte), erschienen 1977, ist eine der erfolgreichsten Platten der Musikgeschichte.

Die Renhai beziehen sich auf die 11 Songs der ersten Ausgabe und als Abschluss auf den Titel der Platte. Der jeweilige der 12 Songtitel findet seinen Platz als erste Zeile des zweiten Verses. Der erste Autor verfasst sowohl den ersten (dreizeiligen) als auch die zweite Zeile des zweiten (zweizeiligen) Verses. Danach schreibt der zweite Autor den (dreizeiligen) Abschlussvers.

Dämmerung
das Auge übergibt
ans Ohr

Songbird
frei geboren

die Spur
seiner Feder
verliert sich

RJ T RJ GH

Dem tieferen Sinn des Textes und den Nuancen der Musik nachspüren, diese aufs äußerste reduzierten Verse zu erfassen, während uns der Rhythmus der Songs trägt, das führt zu einem außerordentlichen Kunsterlebnis.

Traude Veran

neu am 16. Juni 2019
eine Rezension von Rüdiger Jung

Sand in der Uhr bin auch ich

„Sand in der Uhr bin auch ich“, Gabriele Hartmann, 22 Tanka
handgearbeitetes Künstlerbuch, 15 x 15 cm, 24 Seiten, dazwischen 22 Fotos auf Tonpapier, Hutgummi, 2019. Einzelanfertigung auf Bestellung!

Rezension Rüdiger Jung

Das wechselseitige Zwiegespräch von Lyrik und Bildender Kunst hat eine lange Tradition, deren Wege und Erscheinungsformen Prof. Gisbert Kranz in seinen Standardwerken zum Thema eindrücklich erfasst und protokolliert hat.

Im „Bildgespräch“ der Kölner / New Yorker Autorin Margot Scharpenberg hat diese literarische Form ihre besondere Zuspitzung erfahren. Solchem „Bildgespräch“ ist auch die fernöstliche Kunst offen – und reizt hier natürlich besonders zum Kurzgedicht nach japanischem Vorbild. Gabriele Hartmann hat sich der Herausforderung durch die Holzschnitte Kyoshi Hasegawas gestellt – in 22 Tanka‚ deren buchstäbliches Zwiegespräch ein so bemerkenswertes Resultat gezeitigt hat, dass ich zum Lob ein so altes wie kostbares Wort bemühen muss: ein Kleinod! Das Tanka ist als Gedichtgattung kurz und konzentriert und hat gleichwohl dem Haiku gegenüber, das an-deutet, etwas an-reißt, jenen längeren Atem, der eine Stimmung, eine Atmosphäre ausschwingen lässt. Unwillkürlich erweitern westliche Literatur, aber auch Bildende Kunst die Konnotationshöfe dieser eindrücklichen Wort-Bild-Begegnungen. Das Bild zu Seite 1 (den paginierten Textseiten steht jeweils eine unpaginierte Seite mit der Reproduktion des Kunstwerks gegenüber) lässt an Günter Eich denken („wo ich wohne“). Füchsin und Fuchs sind gleichermaßen Fascinans (S. 4) und Tremendum (S. 9) – im letztgenannten Fall könnte die Erinnerung an Henri Boscos „Esel mit der Samthose“ wach werden. Dicht auf den F/Versen der Bilder umspielen die Tanka der Seiten 10 und 11 die These vom Homo ludens. Gegenüber Seite 18 wird die Reminiszenz zu van Gogh greifbar, gegenüber Seite 7 jene zu so unterschiedlichen Protagonisten der Kunstgeschichte wie Vermeer‚ Magritte, M. C. Escher. Text und Bild teilen da eine klaustrophobische Stimmung:

am Seidenfaden
hängend übte ich fliegen
sah ich doch
in einer Kugel das Fenster
aber ach – es ist geschlossen (S. 7)

Der Buchtitel ist jener Anmutung von Wehmut und Verletzlichkeit nahe, die der japanischen Poesie seit ihren Anfängen eingeschrieben ist; passend dazu ein Notat der Vergänglichkeit:

wie üppig doch
Blüten borden des Nachts
im Sake-Traum
und wie sie welken
bleich am Morgen (S. 8)

In geradezu biblischer Manier wird der Vergänglichkeit des Menschen aber auch ein zumindest ansatzweise positives Attribut zugesprochen – jenes nämlich der ausgleichenden Gerechtigkeit:

im Schatten von Schloss
und Kirche spielten wir einst
mit den Kindern
der Herrschaft und werden einst
mit ihnen dort begraben (S. 13)

„einst“ – spiegelbildlich am Ende der zweiten wie der zweitletzten Zeile – könnte den Zug der Endlichkeit schon relativieren: indem es zu beidem, zur Vergangenheit (Zeile 2) wie zur Zukunft (Zeile 4) die Verbindung herzustellen vermag. Tatsächlich erschleicht sich in den Texten die zyklische Wahrnehmung der Zeit das Vorrecht gegenüber der linearen:

schließt sich der Kreis
von werden und Vergehen
ums andre Mal
dreh ich die Sanduhr um
und lausch dem Spott der Drossel (S. 2)

Ein Taschenspieler-Trick, den „der Spott der Drossel“ bloß stellt? Nicht unbedingt! Die Autorin jedenfalls bleibt sich treu, indem sie dem möglichen linearen Schluss (“erst oben, dann unten“) den iterativen, zyklischen vorzieht:

wie die Rose blüht
und welkt, so welkt
die Zeit und blüht
wie der Sand in der Uhr
bin auch ich – mal oben, mal unten (S. 12)

Der Chiasmus der ersten drei Zeilen hat den Aufstand, den Tabu-Bruch gegen die dräuende Macht der Sanduhr als barocker Vanitas schon eingeleitet: das leise, winzige „mal“ fordert die Ewigkeit! Ein Hintergrund, der die Resilienz auf S. 18 fassbarer macht:

der Mensch
zwischen Himmel und Erde
gestutzt
wie jene Ulme
grünt Jahr für Jahr aufs neu

Da nimmt es auch nicht mehr Wunder, dass da, wo eigentlich das Kalkül, die Determination die Oberhand hat, plötzlich die Freiheit diese für sich in Anspruch nimmt:

am Ende
kannte ich alle
Bauern und König
und sang nach jedem Glas
ihr Lied von der Freiheit (S. 10)

Wo das Haiku vielleicht einen spröden Kuss zulässt, taugt ein Tanka schon zur innigen Umarmung. Die Liebesgedichte unter den Tanka Gabriele Hartmanns – präzise und genau wie die übrigen Texte – wollte ich nicht missen:

das Universum
in einer Hutschachtel
navigiere ich
durch ein Wurmloch
meine Gedanken zu dir

Das „Wurmloch“ despektierlich zu lesen – im Blick auf den Minimalismus – ginge fehl. Reicht doch die kleine fünfzeilige und in ihrem Ursprung 31-silbige Form vollkommen aus, aller Ambivalenz Raum zu geben:

ich wünschte mir

die Sterne vom Himmel
holte sie dir herab …
langsam wird es eng
in meinem Schneckenhaus (S. 6)

Ständig schweift mein Blick beim Lesen dieses Buches vom Bild zum Text zum Bild zum Text … wenn das nicht Beleg genug ist – für ein gelungenes‚ den Leser/Betrachter einbeziehendes, faszinierendes Zwiegespräch!

Rüdiger Jung

vorstehende Rezension „Sand in der Uhr…“  
am 15. August  2019 auf
www.einunddreißig.net; Hrsg.: Dr. Tony Böhle


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neu am 15. Juni 2019
ein Haiku von Gabriele Hartmann


Schweigeminute
knisternd entfaltet sich
Cellofan


erst: „http://haiku-heute.de/“,  15. Juni 2019; Hrsg. Dr. Volker Friebel

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neu am 5. Juni 2019
eine Rezension von Horst Oliver Buchholz

Desire

Desire
Renhai von Christof Blumentrath und Gabriele Hartmann. bon-say-verlag. 2018. 14 Seiten.
Rezensiert für Sommergras 125 von Horst-Oliver Buchholz

Desire, erschienen 1975, zählt zu den großen Alben von Bob Dylan. Zu Recht. Es erzählt große politische Geschichten, wie in „Hurricane“, dem ersten Song des Albums, und sehr persönliche wie in „Sara“, der das Al- bum abschließt. Und so ist es auch ein großes Unterfangen, die Song-Titel dieses Albums als Quelle der Inspiration für eine Dichtung im Stile des Renhai zu nehmen. Ambitioniert auch und nicht ungefährlich. Nun, hier ist es gelungen. Gleich der Album-Titel, den Christof Blumentrath mit nur fünf Silben in einen Vers ergänzt, offenbart eine Kunst der Kürze:

Desire
ohne jedes Wort

lesen wir da. Das ist ebenso gut, wie es originell ist. Sind doch Wörter das Material, der Werkstoff jeder Dichtung. Diese Ergänzung aber suggeriert, dass vieles (hier: Desire = Verlangen) so ganz ohne Wörter auskommen kann. Es stellt also die (Aussage-)kraft von Wörtern in Frage – indem es aber selbst welche nutzt, in hohem Maße verdichtet und so die Kraft des Wortes gleich wiederherstellt. Ein feines Paradoxon. Schön auch der an- schließende Dreizeiler aus der Feder von Gabriele Hartmann:

tausendmal
vergaß ich seinen Namen
und nur seinen Namen

Das erzählt eine ganze Geschichte, deutet sie zumindest an, ein Roman ließe sich mit diesen Zeilen eröffnen und daraus entwickeln. Dies genau zeichnet denn auch die Dichtung von Christof Blumentrath und Gabriele Hartmann aus. Sie ist vielerorts originell und bringt immer wieder ganze Geschichten zum Schwingen: Dichtung im besten Sinne dessen, was Dichtung vermag. Diese Kunst durchwirkt die Renhai dieses Werkes und zeichnet sie im Besonderen aus. „Diamanten am Himmel“ heißt es an einer Stelle. Hier sind es Diamanten, die in Verse und zu Papier gebracht worden sind. Sie funkeln an vielen Stellen.

Horst-Oliver Buchholz

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neu am 5. Juni 2019
zwei Haiku von Gabriele Hartmann

beim Wegkreuz
verharren – nichts weiß ich
von ihm

lunare Landschaft
seine Hände mischen
Wasser und Mehl


erst: „Sommergras 125“, Juni 2019; Hrsg. Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

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neu am 5. Juni 2019
zwei Tanka von Gabriele Hartmann


um etwas Salz
bittet der neue Nachbar
und verbreitert den Weg
von seiner
zu unserer Tür

Vaters Hand
auf meiner Schulter
zum Ritter schlagend
mit flacher Klinge den Sohn
der ich nie war

erst: „Sommergras 125“, Juni 2019; Hrsg. Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

***

Ein Tanka, das mich besonders anspricht
Ausgesucht und kommentiert für Sommergras 125 von Tony Böhle

Vaters Hand
auf meiner Schulter
zum Ritter schlagend
mit flacher Klinge den Sohn
der ich nie war

Gabriele Hartmann

Anlässlich des Pfingsttages veranstaltet Kaiser Friedrich I Barbarossa im Jahr 1184 in Mainz einen Hoftag, in dessen Rahmen seinen beiden Söhnen Heinrich und Friedrich eine besondere Ehre zuteil wurde. Die beiden jungen Männer erhielten von ihrem Vater und Kaiser persönlich die Schwertleite. War dieses Ritual damals vor allem als dynastischer Herrschaftsanspruch der Staufer gedacht, hat sich der Ritterschlag bis heute als Anerkennung für besondere Leistungen in unserer Sprache erhalten. Ist die Zeit der gepanzerten Reiter auch schon seit Jahrhunderten vorüber, gibt es in Großbritannien die Adelung mit dem Schwert durch den Monarchen noch bis heute, wenn auch mit einer anderen Bedeutung.

Wird man sich der enormen symbolischen Bedeutung bewusst, lässt sich wohl erst erfassen, welche Bedeutung das lyrische Ich dem nach außen wohl eher trivial anmutenden Schulterklopfer des Vaters beimisst. Bei der genaueren sprachlichen Betrachtung lassen sich dafür Anhaltspunkte finden. Die väterliche Hand wird zur flachen, aber gleichwohl scharfen Klinge eines Schwertes stilisiert. Sie kann nicht nur symbolisch ehren, sondern auch verletzten, Gliedmaßen oder gar Köpfe abtrennen – ganz nach dem Ermessen ihres Besitzers. Dieser Vergleich deutet eine Ambivalenz in der Vater-Sohn-Beziehung an, irgendwo zwischen Furcht vor der Strenge des Vaters und dem Wunsch nach Anerkennung.
Ein weiterer Grund, weshalb das Tanka eine eindrückliche Wirkung hinterlässt, ist die Hinleitung zur letzten Zeile, in der der Text seinen Gipfelpunkt findet. Hatte der Schulterklopfer „mit flacher Klinge“ bereits atmosphärische Störungen anklingen lassen, wird der Grund dafür nun deutlicher zutage gefördert. Das lyrische Ich selbst bezeichnet sich als „den Sohn / der ich nie war“. Ob es ein schmerzlicher Blick auf das eigene (Fehl)-Verhalten ist oder ein Empfinden, das ihm der Vater gegeben hat, bleibt unklar. Aber auch eine weitere Lesart ist durchaus denkbar: Sucht und sieht der altgewordene Vater im lyrischen Ich vielleicht den Sohn, den er sich immer gewünscht hat, eine Art von Sohn, die das lyrische Ich aber nie war oder sein wollte? Man wäre wohl gespannt darauf, mehr zu erfahren, aber alles, was für ein herausragendes Tanka nötig ist, wurde schon ausgesprochen. Ein Mehr an Hintergründen, an Erklärungen oder Begründungen würde dem Siedepunkt dieses Augenblicks nur Kraft nehmen.

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neu am 5. Juni 2019
ein Tan-Renga von Claudia Brefeld und Gabriele Hartmann

Sommerwärme
rings um den Fuchsbau
aufstäubendes Gelb

legt sich wieder – der Wunsch
an Vaters Hand zu gehen

CB / GH

erst: „Sommergras 125“, Juni 2019; Hrsg. Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

Unterstollen für ein Tan-Renga
Kommentiert für Sommergras 125 von Horst-Oliver Buchholz

Ein Haiku mit einem Unterstollen zu ergänzen, damit so ein Tan-Renga entsteht – darum hatten wir Sie im vorangegangenen Heft gebeten. Dazu hatte Claudia Brefeld diesen Oberstollen

Sonnenwärme
rings um den Fuchsbau
aufstäubendes Gelb

gedichtet. Leider hatte sich in Vers eins ein kleiner Fehler ins Heft geschlichen, sodass es dort

Sommerwärme
rings um den Fuchsbau
aufstäubendes Gelb

hieß. Auf diese Fassung beziehen sich nun also die Weiterdichtungen. 23 Autoren haben Unterstollen eingereicht. Vielen Dank. Alle Einsendungen wurden anonymisiert, bei eigenen Einreichungen haben sich die Jurymitglieder der Diskussion und Wertung enthalten. Am Ende bekam die Weiterdichtung von Gabriele Hartmann die meisten Punkte.

Sommerwärme
rings um den Fuchsbau
aufstäubendes Gelb

legt sich wieder – der Wunsch
an Vaters Hand zu gehen

Claudia Brefeld / Gabriele Hartmann

Ein bemerkenswerter Unterstollen, der den Versen eine neue Richtung gibt, ohne den gemeinsamen Weg zu verlassen. Der Naturszenerie des Oberstollens wird eine sehr private, höchst persönliche gegenübergestellt. Der Vater, so dürfen wir annehmen, ist offenbar verstorben, jedenfalls nicht mehr physisch nahe. Ganz anders der Wunsch nach seiner Nähe, der bleibt, der Wunsch nach Halt und Orientierung („an Vaters Hand zu gehen“), die Trauer über den Verlust ist nicht überwunden. Aber da ist auch die Gewissheit oder die Erfahrung von Trost: „legt sich wieder“. Ruhe ist möglich, innerer Frieden. Das ist an sich schon sehr gut. Im Kontext zum Oberstollen ist es meisterhaft. Dort ist vom Fuchsbau die Rede, der ebenfalls – hier für das Tier – ein Zufluchtsort ist, eine Art Zuhause. Doch etwas ist aus der Ordnung geraten, wie beim Unterstollen. Das „aufstäubende Gelb“ signalisiert Unruhe, Flucht vielleicht oder eine Jagd. So ergibt sich ein beziehungsreiches Geflecht zwischen den Versen von Ober- und Unterstollen, das auf kleinem Sprachraum große Wirkung hat, auch Tiefe. Gut gemacht.

Horst-Oliver Buchholz

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neu am 5. Juni 2019
ein Haiga von Gabriele Hartmann

Mittsommernacht

Mittsommernacht
das Zirpen
geflüsterter Worte


erst: „Sommergras 125“, Juni 2019; Hrsg. Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

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neu am 5. Juni 2019
ein Rengay von Brigitte ten Brink und Gabriele Hartmann

Traum nur war es

Olivenzweige
in seinen Augen
Abschied 

brütende Hitze
die Nachtigall singt nicht mehr

erhebt sich
Welle um Welle – ich werde
das Meer

Vollmondnacht
auf der Haut
Perlenschimmer

von Fern ein Glockenton
horch, da geht unser Sommer 

Traum nur war es
nicht geschaffen
fürs Leben

GH 1, 3, 5; BtB 2, 4, 6

erst: „Sommergras 125“, Juni 2019; Hrsg. Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

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neu am 5. Juni 2019
zwei Tan-Renga von Silvia Kempen und Gabriele Hartmann

heimliche Blicke
das Nest im Ostermoos
immer noch leer

der weiße Briefbogen
zu einem Schiff gefaltet

GH / SK


Wolken kommen
und gehen – Hand in Hand
zum Horizont

… und dann links
wo die Zukunft wartet

GH / SK


erst: „Sommergras 125“, Juni 2019; Hrsg. Deutsche Haiku-Gesellschaft e. V.

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neu am 1. Juni 2019
ein Haiga von Gabriele Hartmann

Fliederduft

Fliederduft
auf Zehenspitzen verlass ich
den Garten

erst: „Haiga im Focus“; Hrsg.: Claudia Brefeld

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Und wo sind jetzt die all schönen Beiträge vor dem 1. Juni 2019?

Nun, die waren nicht mehr neu genug für Neu!

Tipp:

Die 2019 veröffentlichten Haiga finden Sie unter :

Markt / Haiga / Haiga 2019

und die 2019 herausgegebenen Bücher mit ihren Rezensionen unter :

Verlag / Genre / Alle

oder

Verlag / Autoren / Alle

Viel Freude beim Stöbern, Ihre Gabriele Hartmann