Welch stiller Morgen

handgearbeitetes Miniaturbuch
24 Haiku zur Winterzeit von Gabriele Hartmann

Eine Rezension von Rüdiger Jung:

Das hat Gabriele Hartmann mit dem großen Yoda Buson gemeinsam: dass zur Haiku-Begabung die nicht weniger ausgeprägte bildnerische tritt. Ein herrliches Winterpanorama, das der Umschlag zweimal symmetrisch präsentiert: außen in Farbe, innen schwarzweiß.

In meiner Kindheit gehörten kommender Winter und kommende Weihnacht untrennbar zusammen. Das gab schon den ersten Schneeflocken einen Hauch von Advent. Daran erinnern mich diese 24 Haiku.

warten
den ersten Flocken
gebe ich Namen

Den ersten nur. Dann werden sie unzählbar.

welch stiller Morgen
mit geschlossenen Augen
zu wissen – es schneit

„mit geschlossenen Augen“ eröffnet sich den übrigen Sinnen mehr Raum.

dem Schneefall lauschen
die Spur hinaus
längst zugeweht

Mag sein, das Ohr ist der emotionalere, erwartungsfreudigere, ja, adventlichere Sinn. „längst zugeweht“ deutet darauf, dass das Auge sich zurückmeldet. Die Stimmung ist schillernd – zwischen Isolation und Geborgenheit.

zwischen den Flocken
tiefe Stille … ich lege
die erste Spur

Kindliche Lust wird wach: entdecken, erobern, Pionier, der Erste sein. Und doch nicht allein in der Zeit, wo der Mensch sich nach Menschen sehnt:

Wintersonne
jemand
ging in meiner Spur

Im geborgenen Reich des Bewohnten der folgende Text:

Lichterketten
einer wünscht sich
nichts

Ein Haiku, das in großer Ambivalenz ganz unterschiedliche Deutungen zulässt. Möglich, dass einem Weihnachten und Lichterketten bis zum Halse stehen, einer sich verweigert – in buchstäblichem Nihilismus („einer wünscht sich / nichts“). Genau so offen ist der Text für die entgegengesetzte Erfahrung: Einer erlebt in der Weihnacht, was ihn und sein Leben trägt. Eine derart großartige Erfahrung, dass schlicht und einfach nichts zu wünschen übrig bleibt!

Rüdiger Jung