tango

tango“, Gabriele Hartmann, Gendai-Haiku und Wortspiel

handgearbeitetes Künstlerbuch, 2019, Din A4 quer, 98 Blatt schwarzes Tonpapier, 98 halbe weiße Seiten im Wechsel oben und unten, Buchringe bzw. Buchschrauben.


tango
engtanzhiq&11entanzwortspiel
gepaartzueinemhybridzeitgenössischerschreibart

Ralph Günther Mohnnau schreibt:

… zurückkehrend, wo ich einige Tage Licht, Luft und Sonne getankt hatte, überrascht mich Ihre Sendung mit den literarischen Köstlichkeiten. Ich muss sagen, ich bin beeindruckt, mit welcher Energie und Kreativität Sie hier Ihre literarische Begabung ausgelebt haben. Insbesondere berührt das Schwergewicht „tango – hiqundwortspiel“, in das ich mich sofort gestürzt und die vielerlei Formen und Themen genossen habe.

Dabei kann es einem ja fast schwindelig werden. Ich kannte bisher diese Form von einsilbigen, zusammengeschriebenen „Versen“ nicht, ihre nicht immer sofort erkennbaren Inhalte geben dem Ganzen einen – wie soll ich sagen – fast rätselhaften Anstrich. Einzeilige „Haiku“ kannte ich bisher nur aus dem Werk von Taneda Santôka …

Ralph Günther Mohnnau

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und eine Rezension von Rüdiger Jung

Ein bibliophiler Prachtband – aber nicht nur darum ein Fest für die Synapsen! Es begrüßt uns auf der Titelseite:

tango
hiqundwortspiel
gabrielehartmannbon-say-verlag

und verabschiedet sich mit dem ausführlicheren Impressum auf S. 98:

tango
engtanzhiq&11entanzwortspiel
gepaartzueinemhybridzeitgenössischerschreibart
allerechtegabrielehartmannbon-say-verlag
neugierig?www.bon-say.de

Argentinien oder Finnland? Gabriele Hartmanns Alternative ist eine andere: Engtanz oder Elfentanz.

engtanz
hiq

Zunächst einmal weckt der Engtanz erotische Assoziationen, wobei erfür Worte anstrengend gerät und Lesenden durchaus einiges abverlangt.Nicht nur die Satzzeichen, auch der leere Taktschlag zwischen den Worten fehlt. Anders gesagt: ohne buchstabengenaues Lesen ist den Wortennicht beizukommen.

     warumnichtnichts (S. 6)

Natürlich klingt da der (widerlegte!) ontologische Gottesbeweis eines Anselm von Canterbury nach. Aber auch das antike Thaumazein, das Staunen als Urgrund jedweder Philosophie. Gleichsam in Psalmtonart das Folgende:

     warumsoschnellichmeinmeinleben (S. 7)

„mono no aware“ lautet das Stichwort der Japaner dafür, dass das Schöne billiger als um den Preis der Vergänglichkeit nicht zu haben ist. Leider ist der Mensch ganz und gar dabei, die Vergänglichkeit der Schöpfung extrem zu beschleunigen. Anthropozän nennt man das vom Menschen (durchaus zerstörerisch) geprägte Erdzeitalter. Gabriele Hartmann findet eine bezwingende poetische Formel dafür:

     ursuppeeinerwürztnach (S. 16)

Augen zu und durch ist beileibe nicht das Patentrezept – ganz gleich, wie sehr sich andernfalls die Trias nichts sehen, nichts hören, nichts sagen bewährt haben mag:

     dreiaffenalleshatseinensinn (S. 48)

Auch wenn dem Engtanz ein Minimalismus sprachlicher Mittel einhergeht, eignet ihm die Sprengkraft, unterschiedlichste Weltbilder durcheinanderzuwirbeln – etwa westliche Teleologie und den zyklischen Osten:

     endzeitdiekartenneugemischt (S. 56)

Die Seiten 61 bis 97 gehören dem Elfentanz:

11entanz
wortspiel

Elfentanz kann märchenhaft geraten – man denke an die „fairy tales“! Die Elfen stehen – im Gegensatz zu den Trollen – für Leichtigkeit und Schwung. Und natürlich sind die Wortspiele als Signet eines Homo ludens nicht zu überhören. Dennoch möchte ich die Elfen gleichermaßen als Verweis auf die Zahl nehmen. Nicht umsonst beginnt der Karneval am Elften Elften um Elf Uhr Elf. Die Elf ist eine metaphysische Zahl. Die Zwölf, das Drei mal Vier von Gott und Welt‚ steht biblisch für Vollkommenheit (Beispiele: die 12 Stämme Israels, die 12 Jünger Jesu). Eins weniger, die Elf (die Jünger nach dem Wegfall von Judas)‚ stehen für das Gegenteil: die Unvollkommenheit und die Infragestellung aller Sicherheiten. Kein Elfentanz also ohne ein Moment von Narretei! Tatsächlich werden im Elfentanz Worte gegen den Strich gelesen, was freilich immer wieder tiefere Schichten aufdeckt.

     nICHts (S. 90)

ist beileibe kein Manifest des Nihilismus. Eher barocke Klage (und Mahnung) der Vanitas. Die Eitelkeit der drei Majuskeln steht vor Augen: der Mensch, der sich von seiner Umgebung, seinem Lebensraum absetzt und schlimmstenfalls beide zerstört. Ein Ich im Haiku? warum nicht – wenn es nicht vergisst, worauf sein Leben beruht! Die Mahnung hat noch eine spezifisch christliche Variante:

     kIrCHe (S. 92)

Demut ist die Haltung, die Gott in Jesus Christus die Ehre gibt. Ganz im Sinne Johannes des Täufers: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ (Johannes 3, 30). Manchmal reicht ein Dreh in der Reihenfolge der Buchstaben, um eine ganze Theorie sinnenfällig zu machen – und obendrein in Kunst zu überführen:

     kamasuART (S. 85)

Einmal davon ausgehend, wie sehr das Kamasutra erotisch konnotiert ist, gibt das die reinste Formel dafür ab, dass sich die Kultur dem Triebverzicht (oder doch seiner Sublimierung) verdankt. Den letzten Elfentanz mag ich besonders:

     stILLstand (S. 97)

„Stillstand“ begegnet uns meistens als Problemanzeige, „ill“ als englische Vokabel verstärkt diesen Eindruck noch. Gabriele Hartmann bürstet nach guter alter Narrenart die Worte mit Elfenleichtigkeit gegen den Strich, und ich weiß: „Stillstand“ ist weder „krank“ noch „verrückt“! Pausen (auch kreative!) können so lebensnotwendig sein wie der Elfentanz als Alternative zum Engtanz!

Rüdiger Jung