Sand in der Uhr bin auch ich

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Sand in der Uhr bin auch ich

„Sand in der Uhr bin auch ich“, Gabriele Hartmann, 22 Tanka
handgearbeitetes Künstlerbuch, 15 x 15 cm, 24 Seiten, dazwischen 22 Fotos auf Tonpapier, Hutgummi, 2019

Die Tanka sind inspiriert duch Holzschnitte von Kiyoshi Hasegawa.

Rezension Rüdiger Jung

Das wechselseitige Zwiegespräch von Lyrik und Bildender Kunst hat eine lange Tradition, deren Wege und Erscheinungsformen Prof. Gisbert Kranz in seinen Standardwerken zum Thema eindrücklich erfasst und protokolliert hat.

Im „Bildgespräch“ der Kölner / New Yorker Autorin Margot Scharpenberg hat diese literarische Form ihre besondere Zuspitzung erfahren. Solchem „Bildgespräch“ ist auch die fernöstliche Kunst offen – und reizt hier natürlich besonders zum Kurzgedicht nach japanischem Vorbild. Gabriele Hartmann hat sich der Herausforderung durch die Holzschnitte Kyoshi Hasegawas gestellt – in 22 Tanka‚ deren buchstäbliches Zwiegespräch ein so bemerkenswertes Resultat gezeitigt hat, dass ich zum Lob ein so altes wie kostbares Wort bemühen muss: ein Kleinod! Das Tanka ist als Gedichtgattung kurz und konzentriert und hat gleichwohl dem Haiku gegenüber, das an-deutet, etwas an-reißt, jenen längeren Atem, der eine Stimmung, eine Atmosphäre ausschwingen lässt. Unwillkürlich erweitern westliche Literatur, aber auch Bildende Kunst die Konnotationshöfe dieser eindrücklichen Wort-Bild-Begegnungen. Das Bild zu Seite 1 (den paginierten Textseiten steht jeweils eine unpaginierte Seite mit der Reproduktion des Kunstwerks gegenüber) lässt an Günter Eich denken („wo ich wohne“). Füchsin und Fuchs sind gleichermaßen Fascinans (S. 4) und Tremendum (S. 9) – im letztgenannten Fall könnte die Erinnerung an Henri Boscos „Esel mit der Samthose“ wach werden. Dicht auf den F/Versen der Bilder umspielen die Tanka der Seiten 10 und 11 die These vom Homo ludens. Gegenüber Seite 18 wird die Reminiszenz zu van Gogh greifbar, gegenüber Seite 7 jene zu so unterschiedlichen Protagonisten der Kunstgeschichte wie Vermeer‚ Magritte, M. C. Escher. Text und Bild teilen da eine klaustrophobische Stimmung:

am Seidenfaden
hängend übte ich fliegen
sah ich doch
in einer Kugel das Fenster
aber ach – es ist geschlossen (S. 7)

Der Buchtitel ist jener Anmutung von Wehmut und Verletzlichkeit nahe, die der japanischen Poesie seit ihren Anfängen eingeschrieben ist; passend dazu ein Notat der Vergänglichkeit:

wie üppig doch
Blüten borden des Nachts
im Sake-Traum
und wie sie welken
bleich am Morgen (S. 8)

In geradezu biblischer Manier wird der Vergänglichkeit des Menschen aber auch ein zumindest ansatzweise positives Attribut zugesprochen – jenes nämlich der ausgleichenden Gerechtigkeit:

im Schatten von Schloss
und Kirche spielten wir einst
mit den Kindern
der Herrschaft und werden einst
mit ihnen dort begraben (S. 13)

„einst“ – spiegelbildlich am Ende der zweiten wie der zweitletzten Zeile – könnte den Zug der Endlichkeit schon relativieren: indem es zu beidem, zur Vergangenheit (Zeile 2) wie zur Zukunft (Zeile 4) die Verbindung herzustellen vermag. Tatsächlich erschleicht sich in den Texten die zyklische Wahrnehmung der Zeit das Vorrecht gegenüber der linearen:

schließt sich der Kreis
von werden und Vergehen
ums andre Mal
dreh ich die Sanduhr um
und lausch dem Spott der Drossel (S. 2)

Ein Taschenspieler-Trick, den „der Spott der Drossel“ bloß stellt? Nicht unbedingt! Die Autorin jedenfalls bleibt sich treu, indem sie dem möglichen linearen Schluss (“erst oben, dann unten“) den iterativen, zyklischen vorzieht:

wie die Rose blüht
und welkt, so welkt
die Zeit und blüht
wie der Sand in der Uhr
bin auch ich – mal oben, mal unten (S. 12)

Der Chiasmus der ersten drei Zeilen hat den Aufstand, den Tabu-Bruch gegen die dräuende Macht der Sanduhr als barocker Vanitas schon eingeleitet: das leise, winzige „mal“ fordert die Ewigkeit! Ein Hintergrund, der die Resilienz auf S. 18 fassbarer macht:

der Mensch
zwischen Himmel und Erde
gestutzt
wie jene Ulme
grünt Jahr für Jahr aufs neu

Da nimmt es auch nicht mehr Wunder, dass da, wo eigentlich das Kalkül, die Determination die Oberhand hat, plötzlich die Freiheit diese für sich in Anspruch nimmt:

am Ende
kannte ich alle
Bauern und König
und sang nach jedem Glas
ihr Lied von der Freiheit (S. 10)

Wo das Haiku vielleicht einen spröden Kuss zulässt, taugt ein Tanka schon zur innigen Umarmung. Die Liebesgedichte unter den Tanka Gabriele Hartmanns – präzise und genau wie die übrigen Texte – wollte ich nicht missen:

das Universum
in einer Hutschachtel
navigiere ich
durch ein Wurmloch
meine Gedanken zu dir

Das „Wurmloch“ despektierlich zu lesen – im Blick auf den Minimalismus – ginge fehl. Reicht doch die kleine fünfzeilige und in ihrem Ursprung 31-silbige Form vollkommen aus, aller Ambivalenz Raum zu geben:

ich wünschte mir
die Sterne vom Himmel
holte sie dir herab …
langsam wird es eng
in meinem Schneckenhaus (S. 6)

Ständig schweift mein Blick beim Lesen dieses Buches vom Bild zum Text zum Bild zum Text … wenn das nicht Beleg genug ist – für ein gelungenes‚ den Leser/Betrachter einbeziehendes, faszinierendes Zwiegespräch!

Rüdiger Jung